in Positionen

Welche sieben Bücher mich 2014 weitergebracht haben

Sie müssen nicht in diesem Jahr erschienen sein, aber ich habe sie in diesem Jahr (endlich) ganz gelesen – und will sie gerne noch weiterempfehlen:

Fanny Müller-Uri: Antimuslimischer Rassismus

antimuslimischer rassismusSchon die „Mitte-Studie“ (PDF) hat die Islamfeindschaft als „das neue Gewand des Rassismus“ beschrieben. Der Prozentsatz derer, die Muslim*innen die Zuwanderung nach Deutschland verbieten wollen, ist demnach von 2009 bis heute von 21 auf 36 Prozent gestiegen. Mittlerweile geben 43 Prozent an, sie würden sich durch die vielen Muslim*innen wie Fremde im eigenen Land fühlen.

Pegida ist somit keine Überraschung, macht aber speziell nach einem Sommer, in dem antisemitische Demonstrationen ebenfalls „den Anderen“ in die Schuhe geschoben wurden, bewusst, wie wenig Ahnung hierzulande über die Wirkmächtigkeit des Antimuslimischen Rassismus besteh. Ich nehme mich da gar nicht aus. Wie gut, dass Fanny Müller-Uri eine super dichte Einführung geschrieben hat. Neben einer Einführung in Rassismus im Allgemeinen kann man sich hier auf 140 Seiten mit den Besonderheiten seiner vielleicht ältesten Form vertraut machen.

Fanny Müller-Uri zeichnet nach einem historischen Aufriss zum Beispiel nach, wie mit dem Anwerbestopp in den 1970er Jahren „Gastarbeiter*innen“ in der BRD zu „Muslim*innen“ wurden, wie diese Kulturalisierung einen politischen Kampf um Anerkennung verhindern soll – und wie Antimuslimischer Rassismus heute vor allem „funktioniert“: immer über die

Essenzialisierung kultureller Differenz, d.h. die Konstruktion des Islam als statischer, homogener, wesenhaft verschiedener Kultur (…) Das Besondere, wenn auch nicht Neue, des Antimuslimischen Rassismus scheint nämlich gerade darin zu bestehen, dass sich der Rassismus in der Sprache von Fortschritt, Moderne, Zivilisation und Emanzipation artikuliert.

Dass er das nicht muss, sieht man derzeit auf deutschen Straßen.

 

Joanna Russ: The Female Man

This book is written in blood.
Is it written entirely in blood?
No, some of it is written in tears.
Are the blood and the tears all mine?
Yes, they have been in the past. But the future is a different matter.

female man

Dietmar Dath lese ich mittlerweile vor allem, um mir Anreize zu holen, was ich sonst noch so lesen könnte. Auch sein jüngstes Buch „Klassenkampf im Dunkeln“ scheint mir vor allem der neueste Teil eines ziemlich suspekten Lenin-Fandoms zu sein. Aber Dath zitiert mehrfach die feministische Science Fiction-Autorin Joanna Russ, von der ich (shame on me) bis dahin noch nie etwas gehört habe.

Vier Frauen aus verschiedenen Zeiten und Welten treffen in „The Female Man“aufeinander und entwerfen mit ihren ein Panorama des Patriarchats – auch wenn es, wie auf dem Planeten Whileaway, gar keine Männer mehr gibt. Mit welcher Kraft und Polemik Russ hier erzählt, wie sie zwischen den verschiedenen Ich-Erzählerinnen springt, kleine Alltagsbeobachtungen mit Geschichten mischt, bis alles irgendwie Kritik und Utopie gleichzeitig wird (oder?), das ist schon… Wahnsinn.

I had a five-year-old self who said: Daddy won’t love you.
I had a ten-year-old self who said: the boys won’t play with you.
I had a fifteen-year-old self who said: nobody will marry you.
I had a twenty-year-old self who said: you can’t be fulfilled without a child.

Literatur kann tatsächlich wirksamer als tausend Pamphlete sein. Zwei weitere Bücher von Joanna Russ habe ich gleich bestellt. In der aktuellen Ausgabe der an.schläge gibt es mehr zu ihr und queer-feministischer Science Fiction.

 

Romani Rose: Bürgerrechte für Sinti und Roma

roseDie Geschichte des Antiziganismus ist bis vor kurzem auch eine totale Lücke in meinem Hirn gewesen. Romani Rose beschreibt in diesem Büchlein sehr eindringlich, wie nach der Vernichtung von 500.000 Sinti und Roma in der BRD die gleichen Akten über das vermeintliche „asoziale Wandervolk“ weitergeführt wurden, sogar die KZ-Nummern zur Identifizierung weiter genutzt wurden.

Wie die gleichen Leute, die noch in den 40er Jahren Schädelvermessungen und ihre rassenideologische „Forschung“ begonnen hatten, in der BRD ungestört weitermachen konnten, ja als Experten in Sachen „Integration“ der Sinti und Roma gehört wurden; wie das nationalsozialistische „Zigeunergesetz“ als bayerische „Landfahrerordnung“ quasi bis 1970 unverändert fortbestand; wie die überlebenden Sinti und Roma Jahrzehnte lang auf Entschädigungszahlungen warten mussten, weil, so die Begründung, sie von den Nazis nicht verfolgt worden wären, sondern nur in Lagerhaft genommen wurden, weil sie tatsächlich kriminell seien.

Erst 1982 hat die Bundesregierung den rassistischen Völkermord anerkannt – dank der Bürgerrechtsbewegung. Doch auch damit ist der Horror nicht vorbei: Wer wissen will, wie der Antiziganismus heute die Debatte um die „Armutszuwanderung“ bestimmt, kann zum Beispiel mit diesem Interview einsteigen.

 

Karl Marx: Das Kapital

marxNicht sonderlich innovativ, jaja. Hat dank des Lesekreises und der paar Seiten Gemeinschaft jede Woche aber Spaß gemacht. Bis auf den Anfang. Die ganze Werttheorie scheint noch immer ganze Menschenleben zu binden. (Und ja, es gibt nichts langweiligeres, als alte Männer, die ihre Begriffe abspulen, in denen es nicht mehr brennt für den konkreten und alltäglichen Mist in dieser Welt) Aber nach einem Drittel wird das Buch lesbar und immer interessanter. Ein paar Sachen sind mir klarer im Kopf geworden und ich habe keine Ehrfurcht mehr vor diesen scheinbar so hyperkomplexen Finanzmärkten – auch wegen der Arbeit an dem Radio-Feature zur Austerität.

 

Susan Buck-Morss: Hegel und Haiti

hegel-haiti

Der (historischen) Entstehung des Kapitalismus widmet Marx zwar das Kapitel über die „ursprüngliche Akkumulation“, in dem er skizziert, wie die Subsistenz- und Feudalwirtschaft Englands nach und nach von Fürsten und Großgrundbesitzern zerstört wurde. Am Ende dieses 150 Jahre dauernden Prozesses war erstmals in der Geschichte die Mehrheit der Menschen dazu gezwungen, die eigene Arbeitskraft zu verkaufen, weil sie nicht mehr für ihr eigenes Überleben sorgen konnte. Dann ging das los mit dem Kapital hier, der Arbeit dort.

Marx erwähnt auch, wie wichtig die Sklaverei für die Entstehung des Kapitalismus war. Das ist immerhin schon 1000 Mal mehr als die sonstigen weißen mitteleuropäischen Philosophen dem Abgrund ihrer Zeit gewidmet haben – während sie von „Menschen in Ketten“ schwadronierten. Hegel, schreibt Susan Buck-Morss in ihrer spannenden Suche nach der Sklaverei in den Texten der Aufklärung, hat immerhin in der Zeitung von den Aufständen der Sklav*innen in Haiti gelesen und sie als ganz konkreten Kampf um Anerkennung im Auge gehabt, während er seine Herr-Knecht-Dialektik verfasste.

Später hat er sie wieder restlos überkleistert mit seinem rassistischen Stufenmodell der Geschichte, das alleine in Europa die Wiege der Zivilisation erkennt und dabei über solche Lappalien wie die Ermordung, Versklavung, Verschiffung und Ausbeutung von Millionen Afrikaner*innen großzügig hinwegsieht. Gegen dieses eurozentrische und rassistische „Fortschrittsdenken“ plädiert Buck-Morss für eine neue Universalgeschichte, die die Hoffnung der Menschheit an ihren bisherigen Rändern sucht – und zum Beispiel in dem Sklavenaufstand in Haiti im Jahr 1791 findet, der mit Forderungen wie „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, und zwar auch für Frauen, denen Kontinentaleuropas weit überlegen war. Augenöffnend und so spannend geschrieben wie eine Entdeckungsreise. Besser geht’s nicht.

 

Janet Mock: Redefining Realness

realnessAls weißer Typ kenne ich im Grunde keine alltäglichen Diskriminierungserfahrungen. Abgesehen von ein paar Jahren als Teenage-Punk, in denen wir auf einmal von Nazis über die Felder Bayerns gejagt und von Cops auf dem Weg ins Kino kontrolliert wurden. Sobald die gefärbten Haare rausgewachsen waren und die Lederjacke wieder im Schrank hing, war das auf einmal vorbei.

Was das für ein Privileg ist, habe ich erst vor ein paar Jahren beim Lesen feministischer Blogs registriert. Janet Mock nimmt einen mit diesem Buch mit in ihr Leben: Man begleitet sie durch ihre Jugend als Charles, durch die Jahre der Prostitution, mit der sie sich die Geschlechtsanpassung finanzierte, auf ihrem erfolgreichen Weg in die Öffentlichkeit, der, das vermittelt sie in diesem Buch, den meisten (Schwarzen) Transpersonen unmöglich gemacht wird. Ich habe viel gelernt.

 

Antonio Gramsci: Briefwechsel mit Tatjana Schucht

gramsciGramsci hat mich zum Lesekreis-Fan gemacht. 2013 habe ich in der Rosa-Luxemburg-Stiftung eine Zusammenstellung seiner Gefängnishefte gelesen. Seitdem habe ich ein erweitert-diffuses Verständnis von Begriffen wie „Hegemonie“, „Alltagsverstand“, „Intellektuellen“, „Partei“, „Staat“, etc. Ein Gefühl für die Person hinter den fragmentarischen Gedanken stellte sich bei mir allerdings nicht ein.

Ich habe es mit der Biografie von Giuseppe Fiori („Das Leben des Antonio Gramsci“) versucht. Da ist vor allem der Anfang lesenswert. Auf einmal sind überall Faschisten und Gramsci im Gefängnis, aber so richtig verstanden habe ich weder die Zeit, noch Gramsci, und erst recht nicht sein Werk. Eine Freundin (danke, D.) hat mich dann auf den Briefwechsel mit seiner Schwägerin Tatjana Schucht gebracht. Tatjana war viele Jahre die Gramscis wichtigste Verbindung zur Außenwelt, musste ihm im Knast alle möglichen Zeitungen und Bücher besorgen.

Es steckt so viel drin in diesem Buch: Gramsci formuliert ab und an mal einen Gedanken am Stück, so dass man sie nicht erst aus verschiedenen Versionen zusammensuchen muss (wie in den Gefängnisheften). Und doch hat der große Theoretiker des Alltags kaum Verständnis für Tanjas eigenen Erfahrungen, zum Antisemitismus in Italien beispielsweise, als wolle Antonio nicht einsehen, dass es quer zu einer politisch-kulturellen Hegemonie weitere Diskriminierungsachsen gibt, die nicht alle Menschen gleichermaßen betreffen.

Auch das Leiden seiner Frau Julia (den Schilderungen Tatjanas und ihres gemeinsamen Vaters nach, hat es viel mit der Last der Kinder und der Hausarbeit zu tun) scheint Antonio nicht nachvollziehen zu können. Für ihn ist alles vor allem eine Frage der Disziplinierung des eigenen Willens – ohne die er selbst die Haft natürlich niemals durchgestanden hätte, geschweige denn die ganzen Hefte vollgeschrieben.

Vor allem aber ist das Buch der geduldige und mit aller Hingabe an das geschriebene Wort geführte Austausch zweier ständig kränkelnder Menschen (sind diese neumodischen Jogurtkulturen jetzt gut bei Magenproblemen, oder nicht? Was ist das für eine Diät, die Gramsci jetzt schon wieder beginnt? Woher kommen die Kopfschmerzen? Du hast meine Symptome falsch interpretiert!). Kurz: es ist alles zum Verzweifeln, und doch tun sie es nicht. 500 Seiten Zärtlichkeit, nach denen man vor allem mehr von Tatjana Schucht erfahren will.

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