in Politik

Ende vergangenen Jahres ist auf Bayern 2 mein Radio-Feature über Bleiberechtsproteste von Roma in Deutschland gelaufen. Dass ich erst jetzt etwas dazu schreibe, hat auch damit zu tun, dass ich nicht so glücklich mit dem Ergebnis bin, wie ich es gerne wäre. Es war meine erste Radio-Stunde ohne Julia, entsprechend knapp wurde es gen Ende. Auch den Aufbau würde ich heute anders machen. Dabei ist das Thema umso wichtiger.

Isen Asanovski ist mit seiner Familie aus Mazedonien nach Deutschland geflohen, nachdem ein Nachbar sein Kind umgebracht hatte und Gerichten und Polizei das herzlich egal war. Isen Asanovski ist Rom, Nazis haben seine beiden Großväter in deutschen Lagern ermordet. Dennoch gehörte er zu jenen, deren Schutzsuche die Bundesregierung als erstes abgewehrt hat.

Als vergangenen Sommer die ersten Entscheidungen zur „Lösung der Flüchtlingskrise“ anstanden, waren sich in einem alle einig: Man müsse unterscheiden zwischen denen, die „wirklich Schutz suchen“ und den „Wirtschaftsflüchtlingen“ vom Balkan.

Und auch wenn es müßig ist, PolitikerInnen ihre Worte von gestern vorzuhalten; was Horst Seehofer dazu im Münchner Landtag gesagt hat, ist schon bemerkenswert: Natürlich müsse Bayern, müsse Deutschland, alle Menschen aufnehmen, die verfolgt oder bedroht würden, das sei „christliche Pflicht“:

Haha, mag man im Angesicht der heutigen Obergrenzen-Diskussion denken. Aber vergangenen Sommer war „das Problem“ für Seehofer eben noch ganz klar verknüpft damit, dass 40 Prozent der Geflüchteten aus den Westbalkan-Staaten kommen und das Asylrecht „massenhaft missbrauchen“ würden.

Von diesen 40 Prozent gehörte etwa ein Drittel der Minderheit der Roma an. Die Scheuklappen, wenn es um deren Diskriminierung in den Herkunftsländern geht, sitzen in Deutschland besonders dicht, die Abwehrreflexe gegen die Migration aus dem Balkan sind besonders heftig: „Bis zur letzten Patrone“ werde man die Sozialsysteme gegen sie verteidigen, wettert Seehofer schon 2011, und wer einmal die ganze Palette an immer wieder abgerufenen rassistischen Zuschreibungen aufmachen will, gucke in diesen „Spiegel“-Artikel aus dem Jahr 1992.

Um Asylrechtsverschärfungen und den Rassismus gegen Sinti und Roma geht es in dem Radio-Feature. Und um eine kaum bekannte Geschichte der Bleiberechtsproteste, die Isen Asanovski und 40 Roma und Romnija aus Serbien, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo fortschrieben, als sie im September den Hamburger Michel besetzten.

Hier geht es zur Sendung. Hier zur Seite von „alle bleiben“, mit vielen Berichten über Abschiebungen, die längst auch die Familien treffen, die schon während des Kosovokriegs nach Deutschland geflohen sind und seit über 20 Jahren hier leben. Außerdem findet Ihr dort Dokumentationen von Recherchereisen in die Westbalkan-Staaten. Und hier noch ein Video mit Fatima Hartmann, Mitgründerin des Rom e.V., die ich in Köln traf. Der Fernsehbeitrag ist 25 Jahre alt. Seitdem hat sich nichts verbessert, sagt sie.

 

Bisherige Radio-Sendungen:

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