in Politik

Im September 1991 geht von dem kleinen Ort Hoyerswerda eine Botschaft in die ganze Republik: Bei Angriffen von Neonazis greift die Polizei nicht ein, Anwohner applaudieren. Eine Spurensuche nach 25 Jahren.

Julia und ich haben ein neues Radio-Feature für Bayern 2 gemacht – hier der Text der Sendungsseite und die Stunde zum Nachhören. Wer lieber lesen möchte: In der Zeitung analyse & kritik haben wir Interviews mit dem ehemaligen „Vertragsarbeiter“ Samuel Nkumi und der Rechtsextremismus-Expertin Heike Kleffner veröffentlicht.

Wer heute in Hoyerswerda den Ort sucht, an dem am 17. September 1991 alles begann, findet zunächst einmal: nichts. Das Wohnheim, das Neonazis tagelang unter dem Jubel von Hunderten von Anwohnern mit Steinen und Molotowcocktails angriffen, ist abgerissen. Nur ein dunkler Torbogen steht in der Nähe, verziert mit einem Regenbogen und der Inschrift „Hoyerswerda vergisst nicht“.

Für Samuel Nkumi, der als DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik in den Ort gekommen war und sechs Jahre in dem Wohnheim gelebt hatte, wirkt das heute wie ein Friedhof.

„Es fühlte sich an, als hätte man meine Geschichte einfach ausradiert. Ich habe das ja erlebt – die Angst und die Träume, die damals zerstört wurden.“
Samuel Nkumi

Die Bilder vom September 1991 bekommt er nicht aus dem Kopf: wie er nach der Spätschicht langsam mit seinem Wagen vor das Wohnheim fährt, wo die Leute „Ausländer raus!“ brüllen. Wie er zum Eingang sprintet und nach oben, wo die Steine nicht mehr hinkommen, während der Mob unten innerhalb von Minuten sein Auto zerlegt. Wie er und seine Kollegen sich wehren, weil sie sonst leichte Beute gewesen wären. Und wie sie und die Asylbewerber am anderen Ende der Stadt später in Bussen aus der Stadt gebracht werden. Die Rechten feiern Hoyerswerda danach als „erste ausländerfreie Stadt“.

25 Jahre später kann eine Muslima wie Naima Yassine mit pinkem Kopftuch in Hoyerswerda zwar einem Alltag nachgehen. Doch auch heute rufen ihr Menschen „Heil Hitler!“ entgegen, klemmen bei ihrem Anblick die Handtasche fester unter den Arm, und als 2015 über mehrere Wochen samstags der Pegida-Ableger „Hoygida“ durch den Ort lief, ging Naima Yassine nicht auf die Straße.

Pfarrer Jörg Michel ist einer von denen, die etwas gegen das Klima der Angst tun, das Hoyerswerda lange geprägt hat. Das beginnt beim Abziehen von Stickern. Begonnen hat er damit, nachdem das Paar Ronny und Monique, bekannt für seine politisch linke Haltung, von Neonazis angegriffen und dann von der Polizei aus Hoyerswerda gebracht wurde. Das sei einfacher, als sie zu schützen, erklärte die Polizei. Es war eine ähnliche Begründung wie im Jahr 1991, als sie die ehemaligen Vertragsarbeiter und Asylbewerber aus der Stadt brachten.

„Angst habe ich nicht, ich bin eher vorsichtig. Ich hab das auch mal durchgespielt, was wäre mit der Familie… Aber wenn man ohne Angst an einem Markttag unterwegs ist, haben eher die anderen das Problem sich outen zu müssen. Man sollte zu zweit sein und zum Fotografieren schnell ein Handy zur Hand haben.“
Jörg Michel

Als Ende 2013 bekannt wurde, dass erstmals wieder viele Geflüchtete nach Hoyerswerda kommen sollen, gründete Michel mit einigen anderen die Initiative „Hoyerswerda hilft mit Herz“. Gegen den versuchten Brandanschlag auf eine bewohnte Turnhalle 2015 konnten sie nichts machen. Aber sie moderierten die Bürgerversammlungen so, dass die Grenzen des Sagbaren klar waren und ermutigten Bürger, in den Unterkünften und bei der Jobsuche zu helfen.

 Matthias lebt heute nicht mehr in Hoyerswerda. Doch ohne ihn, der seinen Nachnamen nicht nennen will, und die Initiative „Pogrom 91“ gäbe es heute vermutlich kein Denkmal. Sie hatten es sich anders vorgestellt, 2011 sogar selber eines zusammengebaut aus Glasbeton, oben drauf ein Würfel aus Plexiglas mit einem Molotowcocktail und einem Stein drinnen. Transparent sollte es vor den Wohnblöcken stehen, so dass sich jeder und jede hätte fragen können: Wo wäre ich 1991 gestanden? Wo stehe ich heute? Heute steht da zwar nur ein Torbogen mit Regenbogen, aber immerhin steht dort etwas.
„Wenn man verhindern will, dass etwas weggewischt wird, dann gießt man es in Beton.“
Matthias von der Initiative ‚Pogrom 91‘

Bis heute sind für die Journalistin Heike Kleffner die Folgen des Pogroms zu spüren. Hoyerswerda steht für sie für die Kapitulation der Polizei und Politik vor organisierten Neonazis und rassistischen Gelegenheitstätern und war 1991 die „Lunte zum Flächenbrand rassistischer Gewalt“: binnen eines Jahres verdoppelte sich die Zahl der registrierten rechten Gewalttaten auf über zweieinhalb Tausend 1992.

„Aus dieser ‚Generation Hoyerswerda‘ ist ein Kern von ich würde sagen 500 bis 800 Neonazis übrig geblieben, die in den gesamten 1990er Jahren bis jetzt ihr Selbstverständnis aus dieser Zeit beziehen.“
Heike Kleffner

 

Zum Weiterlesen:

  • Webdokumentation der „Out of Focus Filmproduktion“ und der Initiative „Pogrom 91“ über die tagelangen Angriffe auf Migrantinnen und Migranten 1991 in Hoyerswerda
    hoyerswerda-1991.de
  • Heike Kleffner und Anna Spangenberg (Hg.): „Generation Hoyerswerda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg“
    Be.Bra Verlag, 2016.
  • ZA, KKM, thd, BAOBAG (Hrsg): „Schwarz Weiße Zeiten. Ausländerinnen in Ostdeutschland vor und nach der Wende. Erfahrungen der Vertragsarbeiter aus Mosambik“
    IZA, 1993
  • Harry Waibel: „Der gescheiterte Anti-Faschismus der SED. Rassismus in der DDR“, Internationaler Verlag der Wissenschaften, 2014

 

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