in Medien

S21-Eventkritik: Die Polizei muss draußen bleiben

Erschienen in der Freitag 42/10
In Stuttgart verschanzen sich 35 Demonstranten hinter einer Stahltür im Bahnhofssüdflügel, im Internet schauen Tausende zu

Noch ist nichts passiert. Ein paar Menschen latschen durch Pfützen, gucken nach links und gehen dann nach rechts. Wo ist sie denn jetzt, diese „Überraschung“, von der hier alle geflüstert haben? Erstmal ’ne Kippe. Zwei Rentner mit Regenschirmen nähern sich. Am linken Gehsteig rennt ein Typ mit weißer Kapuze die Straße hinunter. Autoreifen drehen durch. Es ist Samstag, und es ist nass in Stuttgart. Die Leute bleiben drinnen. Nur 20.000 sollen es sein, die auf dem Schloßplatz gegen den Bahnhofsumbau demonstrieren. Weniger als sonst. Aber irgendetwas soll passieren. Der Protest wird weitergehen. Eine Überraschung ist angekündigt. Etwas Besonderes.

Tilman weiß nicht, was genau. Aber er weiß: Er will es filmen. Er schlendert noch einmal am Bauzaun entlang und überquert dann die Straße Richtung Südflügel des Bahnhofs, wo ein paar hundert Menschen mit ihm darauf warten, dass etwas geschieht. „Wisst ihr was Genaueres“, fragt er in die Runde. „Ich streame ja live, nur dass ich mich an der richtigen Stelle aufstelle.“ So ein Ereignis ist schließlich ein scheuer Vogel, noch dazu wenn man es mit der Kamera einfangen will. Keiner – von denen mal abgesehen, die es geplant haben – weiß genau, wann und wo es passieren wird.

Eine halbe Stunde später steht Tilman36, so lautet sein Twittername, dann genau richtig. Es ist der Tag, an dem Demonstranten den Südflügel des Stuttgarter Bahnhofs besetzen. Tilman36 gehört zusammen mit 35 anderen zu ihnen. Seinen 160-minütigen Mitschnitt der Aktion werden in den Tagen danach knapp 30.000 Menschen im Internet sehen. 2.000 werden sogar live am Bildschirm dabei sein, wenn sich die Gruppe in einem oberen Stockwerk des Südflügels verschanzt. Die Echtzeit-Zuschauer werden auf eine Stahltür starren, die die Polizei eine Stunde lang nicht aufkriegt. Ein großes Netzevent. In einem Blog wird der Film als „Tilman36-Schocker ‚S21 – Stahltür des Grauens‘“ gefeiert. Ein Witz. Und doch nicht wirklich: Irgendwie muss man diesen Film gesehen haben. Nur, warum? Können wir uns dem Bilderstrom nicht mehr entziehen?

Und warum filmt man sich nun auch noch selbst bei solchen Aktionen? Die Polizei kennt das Internet inzwischen auch (siehe Seite 21) und kann die Hausbesetzer leichter identifizieren, wenn sie filmisch festgehalten sind. Als Tilman auf seine Lamera angesprochen wird, sagt er: „Wir filmen zurück.“ Das reicht, um die Zweifel zu zerstreuen. Wer weiß, was die „Prügelpolizisten“ diesmal machen. Tilman schwenkt kurz auf ein paar Mannschaftswagen. „Aber eigentlich ist es ziemlich langweilig, die Polizei zu filmen“, erklärt er. „Da habe ich schon so viele gefilmt in letzter Zeit.“ Nach einer Viertelstunde Wartens erfasst seine Kamera ein „Saufmobil“, das an den Demonstranten vorbeifährt. Ein Dutzend Biertrinker sitzen an der fahrenden Theke und treten in die Pedale. Sie grölen: „Reißt den Bahnhof ab, reißt den Bahnhof ab.“ Tilman kommentiert: „Ein ganzer Wagen voller Volltrottel. Ich wünsche ihnen, dass sie im Neckar versinken.“ Live sagt man so was halt schon mal.

Ein paar hundert Menschen sind mittlerweile vor dem Bahnhof versammelt, eine rote Fahne, ein grüner Luftballon, ein paar Trillerpfeifen. Die Demonstranten stimmen sanfte Warmhaltegesänge an: „Wehrt euch, leistet Widerstand, gegen das Milliardengrab im Land, schließt euch fest zusammen, wehrt euch, leistet Widerstand …“ Und dann öffnet sich irgendwie die Tür zur Lagerhalle des Bahnhofs. Später ist davon die Rede, sie sei aufgestemmt worden. Ein paar Dutzend Menschen strömen hinein. Tilman irrt mit ihnen nach oben.

Auch ein professionelles Kamerateam ist dabei. Der andere Mann mit der Kamera erzählt, was er tut: „Wir sind ein freies Team und machen eine Dokumentation, in der wir die verschiedenen Elemente der Bewegung zeigen wollen“, sagt er. „Cool“, sagt Tilman und erzählt dem Kameramann, dass er fürs Internet filmt. 35 Leute zwischen geschätzt 15 und 50 Jahren versammeln sich jetzt in einer Etage, und stemmen sich von innen gegen die Tür zum Treppenhaus, die „Stahltür des Grauens.“ Bald stehen Polizisten auf der anderen Seite der Tür, das Sondereinsatzkommando wurde gerufen. Es geht hin und her. Die Besetzer fordern einen sofortigen Baustopp und freies Geleit. Gibt’s nicht – dann wird eben geräumt. Gruppendynamik, Verhandlungspoker – alles ist dabei, zumindest ein bisschen. An der Stahltür lehnt ein junges Pärchen und küsst sich. Drama, ungeschnitten.

Die Tür ist mittlerweile so verbogen, dass sie sich nicht mehr öffnen lässt. Das SEK startet erste Aufbruchversuche. Alle starren auf die Tür. Eine knappe Stunde lang. Dumpfe Schläge ohne Unterbrechung, ab und zu ertönt die Klingel des Büros, hat wohl einer drauf gehauen. Nach 20 Minuten wechselt das professionelle Fernsehteam die Kassette, eine Besetzerin singt: „Wir wollen nach Hause gehen!“ Der Rauchmelder hat angeschlagen und steuert ein Fiepen zur Geräuschkulisse bei. Nach einer halben Stunde versucht das SEK mit einer Flex die Scharniere zu zersägen, Funken sprühen. Es ist langweilig, zuzusehen, wie jemand eine Tür öffnet. „Aber es ist interessant zu sehen, wie lange die Polizei braucht, um eine Stahltür zu öffnen“, sagt Tilman.

Und doch ist das Starren auf die Tür mehr. Es ist das gebannte Warten darauf, dass etwas Großes passiert. So geht es schließlich nicht weiter. Nach Stuttgart sind wir eine andere Republik. Oder ist alles wie immer? Zeiten, in denen zu viel, und Zeiten, in denen nichts zu passieren scheint, erzeugen laut Douglas Couplands 1991 erschienen Roman Generation X – von der FAZ einst als „Buch der Wahrheiten am Ende des Jahrtausends“ gefeiert – stets das gleiche Symptom: Die Sucht nach Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehnachrichten. Und jetzt kommen auch noch diese Livestreams dazu – wirklich ganz großes Kino.

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