in Pop

Interview mit Tom Morello: „Musik gibt Energie“

Erschienen in: der Freitag 11/12
Tom Morello spielte früher Gitarre bei Rage against the Machine. Jetzt begleitet er mit seiner Stimme die Occupy-Bewegung – und agitiert auf der Bühne selbst gegen Banker

Tom Morello sitzt in der Kulturbrauerei in Berlin, er wird später mit anderen Künstlern ein Konzert geben, eine Hommage an Woody Guthrie, einen der ersten Protestsänger. Sein Geburtstag jährt sich dieses Jahr zum hundertsten Mal. „Wie heißt dieser Ort hier nochmal?“, fragt Morello und versucht den Namen in sein Smartphone zu tippen. Während des Gesprächs richtet er ab und an seine Baseballmütze, und wirkt dabei sehr höflich. Auf der Bühne stellt sich Morello dann als „One Man Revolution“ vor.

Der Freitag: Tom Morello, Sie haben einmal gesagt, jede progressive politische Bewegung braucht ihren Soundtrack. Hat die Occupy-Bewegung einen?

Tom Morello: Auf jeden Fall. In jedem größeren Camp haben die Leute rund um die Uhr Musik gemacht, vom Rap bis zur Gitarrenmusik am Lagerfeuer. Das Spannende ist ja: Die Occupy-Bewegung hat nicht auf irgendwelche Superstars gewartet, die ihr Hymnen schreiben und teure Videos produzieren. Die Musik wuchs genauso organisch wie die Bewegung selbst.

Dann wird einer wie Sie dort gar nicht gebraucht?

Es stimmt, dass ich immer nur einer von vielen anderen war, die im Camp gespielt haben. Die Musik stärkt das Rückgrat der Kämpfenden – besonders wenn sie von außen kommt, von jemandem, der sich über die Musik mit den Protestierenden solidarisiert. Es dauert meist nicht lange, bis die Leute sich auf ihrer eigenen kleinen Protestinsel einrichten und allgemeine Anliegen wie die Kritik am System zu ihren eigenen machen.

Sie meinen, der Protest genügt sich selbst?

Ja. Aber durch die Lieder merken sie, dass der Rest der Welt zusieht und an ihrer Seite steht. Es funktioniert auch anders herum: Als vor einem Jahr Gewerkschaftler das Kapitol in Wisconsin besetzten und 100.000 Menschen gegen die geplanten Einsparungen des Gouverneurs auf die Straße gingen, war ich so beeindruckt, dass ich ein Album darüber gemacht habe. Auch die Punkband MC5 und andere gaben den Protestierenden Energie mit ihrer Musik und waren gleich­zeitig selbst von der Bewegung elektrisiert.

Wollen sie den Menschen Mut machen?

Mehr noch: In Wisconsin gab es zum Beispiel viele Redner, sehr inspirierende Menschen sprachen zu verschiedenen Themen. Aber erst als die Bands spielten, kam ein Gefühl der Geschlossenheit auf, das kein Redner her­stellen konnte.

Sie treten fast nur noch mit Akustikgitarre und Woody Guthrie-Folksongs auf: Was reizt Sie, als Ex-Gitarrist einer Alternative Band an Balladen aus den dreißiger und vierziger Jahren?

Ich habe erst in den Neunzigern, als ich Bruce Springsteens Album Nebraska oder Bob Dylans The Times They Are a-Changin’ hörte, gemerkt, dass deren Musik genauso hart war wie das, was ich bis dahin für harte Musik hielt. Sei es Metallica oder die Sex Pistols, nichts kam auch nur annähernd an ein Lied von Johnny Cash oder Bob Dylan heran. Deren Musik war viel eindringlicher als die mit elektrischen Gitarren.

Eindringlicher?

Im emotionalen Sinne. Es geht um den Eindruck, den ein Lied hinterlässt. Ich war von vielen Liedern bewegt, als hinterließen sie einen energetischen Stachel in mir. Ich fühlte mich lebendiger. Und wenn ich Folkmusik höre, geht dieses Erlebnis noch viel tiefer.

Woody Guthrie ist als Singer-Songwriter durchs Land gereist und hat das Leben und die Sorgen der einfachen Menschen besungen. Schwingt in seinem Revival nicht auch Sehnsucht danach mit, unsere abstrakter werdenden Verhältnisse wieder greifbarer zu machen, gerade in der Politik?

Das kann sein. Die Folkmusik hat eine lange Tradition, die darauf gründet, sich Geschichten ums Lagerfeuer herum zu erzählen. Im Grunde hat sie das gleiche Anliegen wie Punk oder Hip- Hop: Immer geht es um die konkrete Lebensrealität von dir und mir, um die Gefühle, die wir dabei empfinden – Trauer, Liebe und Wut.

In „The Jolly Banker“ hat Woody Guthrie einst besungen, wie Menschen ihr Land genommen wird. Sie covern heute sein „This Land Is Your Land“…

Dieses Lied ist sehr poetisch. Ich reichere es mit eigenen Ansichten an.

Bevor Sie es spielen, rufen Sie dazu auf, alle Banker nach Guantanamo zu schicken. Geht die poetische Kraft mit so direkten, eher stumpfen Forderungen nicht verloren?

Das glaube ich nicht. Ich habe manche Lieder ausschließlich für Bewegungen geschrieben, und ich werde als politischer Künstler wahrgenommen. Allerdings sind auf den Nightwatchman-Alben viele Songs auch sehr persönlich. Da geht es mir darum, die eigenen Dämonen auszutreiben.

Als politisierter Künstler: Wo sehen Sie in diesem Jahr ihre Möglichkeiten? Alternative Bands versammeln sich langsam wieder hinter Präsident Obama …

Als er Präsident wurde, hat auch mich Euphorie gepackt. Wenn Wahlen anstehen, rümpfen die Linken bei uns normalerweise ihre Nase und wählen dann das geringere zweier Übel.

Mit Obama war das anders.

Ja, da hatten viele wirklich die Hoffnung, dass sich etwas ändern kann. Er sah nicht aus wie einer der bisherigen Präsidenten und er sprach auch nicht wie sie. Aber er handelte wie einer. Ich glaube, dieses Mal werden die Linken wieder die Nase rümpfen…

… und wieder für Obama stimmen. Wählen Sie ihn auch?

Ich lebe in Kalifornien, da ist es ziemlich egal, wen ich wähle. Barack Obama wird die Wahlen ohnehin gewinnen.

Die Zelte der Occupy-Bewegung sind nach und nach geräumt worden. Was bleibt von ihr?

Bei uns sind die Verhältnisse natürlich nicht wie in Kairo: Dort sind zehntausende Menschen, sobald die Camps geräumt waren, wieder protestieren gegangen, weil sie wussten, dass dies ihre einzige Chance auf Zukunft ist. Bei uns haben die Menschen eine neue Art zu protestieren kennengelernt, aber sie wissen noch nicht genau, wo es hingeht. Aber die Bewegung hat schon etwas erreicht. Das kann man im republikanischen Vorwahlkampf sehen.

Was meinen Sie?

Dass ein republikanischer Kandidat dafür kritisiert wird, zu reich zu sein, hat es noch nie gegeben. Die Occupy-Leute haben ein verstecktes, dreckiges Wort in die Debatte geworfen: Klasse. Dass die ökonomische Ungleichheit ungerecht ist, ist ein Gedanke, der bisher keinen Platz im politischen Mainstream der Vereinigten Staaten hatte.

Ein zarter Klassengedanke – und was noch?

Wir befinden uns in einem Wahljahr: Das Land ist stark politisiert, die Gewerkschaften haben zu mehreren Aktionen in Wisconsin aufgerufen. Der NATO-Gipfel wird dieses Jahr in Chicago stattfinden. Ich hoffe, dass die Occupy-Bewegung dann wieder auferstehen wird.

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