in Pop

Durch die Nacht mit Doctorella

Es folgt eine kurze Hymne auf die Band Doctorella. Seitdem ich am Freitag auf ihrer Record Release Party war höre ich ihr erstes Album „Drogen und Psychologen“. So etwas schönes gab es in diesem Jahr noch nicht. Und das hat einen einfachen Grund: Hier gelingt endlich einmal wieder, was bei all den Kapitulations- und Depressionsszenarien im deutschen Diskurspop ein wenig untergegangen ist: Dass nämlich in der richtig guten Musik nicht nur die unerfüllten Bedürfnisse anklingen sollten, sondern auch eine bessere Welt fühlbar wird – zumindest für einen Moment.

„Ich weiß auch, dass der Schnee heute fällt / ich schrei’s laut: es ist ne bitterkalte Welt“ geht das Lied Ich hol dich aus dem Irrenhaus los und besingt den alltäglichen Wahnsinn, die Rollenbilder, Konventionen und strukturellen Zwänge, die sich in den eigenen Kopf eingegraben haben, um dann Rettung zu versprechen: „Ich hol dich aus dem Irrenhaus / ich pflück dir einen Blumenstrauß / ich bin verrückt nach deinem Spleen / bin deine Medizin.“

„Die Köpfe voller Schrot“

Einen solch verrückten Blumenstrauß gab es zuletzt auf Tocotoronics Album „Schall und Wahn“. Doch der von Doctorella ist eben tanzbar. Der Spaß, den die Frontfrauen Sandra (Gesang/Gitarre) und Kerstin Grether (Gesang/Keyboard) auf der Bühne haben, ist ansteckend, ihr Punk-Rock-Elektro-Synthie-Chanson Mix immer überraschend und wirft mit Zeilen um sich, die einen immer wieder berühren, im Abgründigen wie im Utopischen.

Beispiel Liebe: In Zwei Engel ein Verbot singt Kerstin Grether mit ihrer eindriglichen und herrlich schrägen Stimme: „Wenn ich mir die Haut aufschneide reicht mein Blut aus für uns beide / und siehst du nicht die Narben, sag: fühlst du dich verraten?“ und besingt dann, was jeder kennt, nur eben noch nie so sagen konnte: „Wir waren uns nah / und die Köpfe voller Schrot / Liebe ist fürwahr / immer wie Abschied / und noch kälter als der Tod“.

Da ist also viel Dunkelheit in dem Album (Mädchen auf der Schaukel, Die Reichen tragen schwarz, Like a black butterfly), aber immer gebrochen durch das knallige Doctorella-Prisma und die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Über die Verneinung der Verhaltenszwänge und gängiger Therapieformen – „Drogen und Psychologen, ihr habt mich nur belogen – von nun an bis in alle Ewigkeit, hör ich nur noch auf mich“ – führt die Reise endlich ins befreite Märchenland: „Lass uns Märchenwesen sein / uns befreien mit einem Kuss / und versprich mir dass ich keine / hundert Jahre warten muss.“

„Dornröschen, bleib wach!“

Wer da nun Eskapismus wittert, muss ein reicher schwarzer Anzugsträger sein. Denn natürlich wissen die Grether Riot Grrrls und Slutwalk-Mitorganisatorinnen, dass die potentiellen Märchengeschichten hier und heute erst noch geschrieben werden müssen – „Dornröschen, bleib wach!“ schreien sie deshalb dem Traum hinterher. Aber wenn die Sehnsucht keinen Ort mehr findet, wofür sollte sie dann heute kämpfen?

Dass durch den bunten Stilmix einige Lieder etwas überfrachtet sind – geschenkt, verziehen auch das Berlin-Faible. Dafür gibt es Ausgang aus dem bitterkalten Irrenhaus. Und in Wandern durch die Nacht noch mehr: „Ich fühle diese Zeit wird bleiben / wenn wir den Weg zu zweit beschreiten / und du sagst / wir sind dabei und trotzdem frei.“ Und wenn dieses „trotzdem“ das nächste Mal verloren geht: einfach Doctorella hören.

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