in Medien

60 Jahre Tagesschau: „Schau doch nicht so traurig drein“

Wahrscheinlich sitzt die „Tagesschau“ einfach so tief, dass nicht einmal der Medienwandel an sie herankommt. Aus der frühen Kindheit weiß ich eigentlich nur noch, dass wir beim letzten „… taaa“ ihrer Intro-Melodie im Bett sein sollten. Mit der Welt wollten wir uns damals ohnehin noch nicht auseinandersetzen.

Wie seltsam diese Welt der Erwachsenen aber auch wirkte, die da allabendlich über den Bildschirm flimmerte: Scheinbar besteht sie nur aus Menschen, die aus Flugzeugen auf rote Teppiche steigen, mit Autos irgendwo vorfahren oder sich vor Flaggen die Hände schütteln. Und aus vielen Menschen, die leiden. Und immer, wenn irgendwo etwas schlimmes passiert, seufzt der Zuschauer ganz tief und sagt „oh“ oder „wie schlimm“. Das muss ein Reflex von Erwachsenen sein, damit es danach weiter im Programm gehen kann.

Ein paar Jahre nach diesen ersten Betrachtungen wundert man sich über Schaltungen auf Hoteldächer und zu Korrespondenten, denen die Redaktion in Hamburg kurz vor dem Auftritt noch den neuesten Stand der Agenturen ins Ohr geflüstert hat, damit er uns „live vor Ort“ verkündet werden kann. Und immer wenn Journalisten und Politiker versuchen, die Welt in einem Halbsatz zu erklären – wer muss da nicht an Karl Kraus‘ Charakterisierung des Menschen als „Phrase auf zwei Beinen“ denken?

Im Grunde weiß doch jeder mehr, der einen Browser bedienen kann. Überhaupt hat das wunderbare Internet dazu geführt, dass der „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke in seinem Blog immer häufiger erklären musste, warum, wie, und über was berichtet wurde. Was aber, da können wir ihn beruhigen, im Grunde gar nicht relevant ist. Denn dem „Tagesschau“-Konsumenten geht es in erster Linie um das Gefühl, informiert zu sein. Und um die Vergewisserung, dass es doch noch eine gemeinsame Welt gibt, auch wenn sie seltsam anmutet und ihre Lebensmaximen in Form von Börsenkalauern verkündet: „Geld allein macht auch nicht glücklich. Man braucht auch noch Gold, Silber und Wertpapiere.“

Immerhin: Solange das „…taaa“ nicht ausklingt, gibt es die Welt noch. Aber wer diese Welt wirklich gerne hat, beschäftigt sich auf andere Weise mit ihr.

(erschienen in der F.A.Z. vom 27.12.12)

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Kommentar

  1. Noch nie habe ich mir über den Stellenwert der Tagesschau in meinem Leben Gedanken gemacht. Durch diesen Beitrag dazu animiert, sind mir sehr schnell gewisse Erkenntnisse gekommen, die mich teils erschrecken, teils amüsieren. Z.B. darf ich niemals meine Eltern in der Zeit zwischen 20 Uhr und 20 Uhr 15 anrufen. Da müsste schon was ganz Schlimmes passiert sein, aber selbst das würde sie gar nicht mitbekommen, weil sie ja nicht ans Telefon gehen, während die Tagesschau läuft. Ich selbst fange allerdings auch schon damit an, mich zur Nachrichtenzeit bitte nicht stören zu lassen. Trotz Internet gehört für mich die Tagesschau zur wichtigsten Informationsquelle.