in Pop

Tocotronic und die kranken Männer

Wer derzeit von der Sexismus-Debatte auf den gesellschaftlichen Stand der Aufklärung schließen will, kann eigentlich nur verzweifeln. Wie soll man auch von „vernünftigen Verhältnissen“ sprechen, wenn so vielen Männern jegliches Abstraktionsvermögen von sich und der Ordnung, in der sie leben, fehlt? So hörte man einige dieser Primaten allen Ernstes fragen, wie denn nach dem #Aufschrei die Geschlechter bei all ihren „natürlichen“ Differenzen überhaupt jemals konfliktfrei zusammenleben könnten – aka: Männer sind nun mal privilegierte Arschlöcher, deal with it.

Man könnte diese Frage um zahlreiche Texte und Zitate ergänzen, die zeigen, dass vielen (und es waren erschreckend viele) bestimmte menschliche Vermögen völlig fremd sind. Denn mit Vernunft ausgestattete Wesen könnten sehr wohl von diesen Identitätskategorien abstrahieren. Sie könnten sich sogar so weit wie möglich von ihnen abstoßen. Wenn sie dazu Musik machen, spricht man von gelingender Popkultur, in der man „sich selbst verliert“, wie es so schön heißt (und wie es Frank Apunkt Schneider im vergangenen Jahr hier vorgetragen hat). Im Folgenden ein kurzer Ausflug in das tocotronische Märchenland des Identitätsverrats.

Cool oder uncool?

„Wie wir leben wollen“ heißt ihr neues Album. Ein Titel, den die Unvernünftigen nicht verstehen. Sie sagen und schreiben, Tocotronic hätten die alten Ideale für den Mainstream verraten und seien unpolitisch geworden. Zu diesem ewigen „In der Kulturindustrie ist alles doof“-Reflexhammer muss man sagen, dass der Markt zwar doof ist, seinen Waren aber ab und zu etwas innewohnt, das sich Kunst nennt und mit dem Vorschein der Aufhebung des gegenwärtigen Zustandes daherkommt.

Es gibt nämlich durchaus Produkte, die davon handeln, wie wir leben wollen, von Freundschaft und Erdbeeren, und es ist auch o.k., wenn sich die ein paar mehr Leute anhören. Besonders weil es auch nicht so ist, dass Tocotronic irgendein politisches Potenzial eingebüßt hätten.

Führt man sich die letzten 20 Jahre Bandentwicklung vor Augen, ist es eher andersherum: Bei den frühen Tocotronic findet sich im Grunde nichts „Politisches“, es sei denn, die exzessive Selbstbeschäftigung ist bereits politisch. Es sind wundscherschöne Lieder über Frühstücksflocken und Stracciatella-Eis, Anrufbeantworter und Fahrradfahrer, über die Differenzierungen zwischen cool und uncool, die Wut auf Michael Ende und alles Kleinbürgerliche sowie die Vollidioten, die immer in der Überzahl sind.

Das neue Programm

Aus alledem schreit die Sehnsucht, den ewigen Schleifen der Selbst- und Weltzweifel zu entkommen, sei es in der Liebe („Ich möchte irgendwas für dich sein“) oder einer anderen Form der Sozialpsychedelik („Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“). All diese Versuche fallen jedoch immer wieder in sich zurück und das tocotronische Selbst kommt nie von der Stelle („Jetzt geht wieder alles von vorne los“).

Ein ständiger Kampf mit sich selbst, irgendwie will man dazugehören, zur Hamburger Schule, zum Rotary Club, zu Facebook – aber doch nicht so! Und nicht mit diesen Idioten! Wahrscheinlich hat keine Band diesen Identitätsstress besser und intensiver durchlebt als Tocotronic. Sonja Eismann hat ihn kürzlich in der „Spex“ mit der „Wucht der direkten Adressierung mit gleichzeitiger Dissidenz“ umschrieben.

Mit ihrem „weißen Album“ im Jahr 2006 kam der Bruch, die Band löste ihre ursprüngliche Direktheit in sphärischer Popmusik und rätselhaften Texten auf. Viele konnten damit zunächst nichts mehr anfangen, denn nicht mehr die Identitätssuche und –bildung war das Programm, sondern die Identitätszersetzung. Und die hat das wesentlich größere politische Potenzial, wie man von „Aber hier leben, nein danke“, über „Kapitulation“ bis heute erfahren konnte.

Auf Buffys Spuren

„Wie wir leben wollen“ hat sich soweit von allem irdischen Ballast losgemacht, bis endlich „kein Fuß mehr auf deutschen Boden“ („Vulgäre Verse“) Halt finden muss und man sich jenseits der irdischen Identitätskategorien und Geschlechter („Neutrum“) ein Freundschaftsangebot machen kann: „Ich bin krank, ich bin ein weißer heterosexueller Mann / Du kannst mich abschieben, wenn du willst“ („Exil“).

Man kann nun sagen, das ist alles zu glatt, zu plüschophil, der tägliche Identitätskrampf wird zu bruchlos in Popmusik aufgelöst. Aber politisch wird Musik nicht durch Polit-Phrasen, Wut oder Hass, sondern nur dann, wenn man in ihrem Umfeld emanzipatorisch tätig sein kann. Und da ist die Abgehobenheit das beste Programm.

Es ist ja so: Zum Menschen wird nur, wer von sich selbst abstrahieren kann. Die das nicht können, denen fehlt auch das Begehren alles zu ändern. Und die das nicht wollen, die muss man bekämpfen; notfalls, siehe oben, mit dem Holzpflock ins nicht vorhandene Herz.

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