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#Retromania: Nie war die jüngste Vergangenheit so wertvoll wie heute

Auch der Pop ist in der Krise, befindet der britische Musikjournalist Simon Reynolds. In „Retromania“ untersucht er die Ursachen für die dauernde Wiederkehr bestimmter Musikmoden und die Logik des Marktes.

Das Schönste an der Popmusik funktioniert immer noch: Noch immer gibt es Lieder, die innerhalb von ein paar Minuten das gefühlte Wissen von ein paar hundert Buchseiten vermitteln. Das Lied zu Simon Reynolds „Retromania“ hat die kanadische Band Tame Impala geschrieben. Es komprimiert die von Reynolds ausgemachte Pop-Nostalgie auf ein paar Sekunde mit den Zeilen: „It feels like I only go backwards, baby / Every part of me says go ahead / I’ve got my hopes up again oh no, not again / Feels like we only go backwards, darlin“ (“It feels like we only go backwards“). Wer diese gegenwärtige Pop-Nostalgie verstehen will, muss das Buch immer noch lesen.

1963 geboren, in dem Jahr, als mit Bob Dylan, den Beatles und den Rolling Stones Musik zu einer gesellschaftsverändernden Kraft zu werden schien, fragt sich Reynolds heute, was mit jener Aufbruchsstimmung passiert ist, die nicht nur die sechziger Jahre, sondern auch den Post-Punk der späten siebziger und schließlich den Rave der neunziger Jahre so unwiderstehlich gemacht hatte.

Recycelte Popgeschichte

Nach den Büchern „Rip it Up and Start Again“ und „Energy Flash“ wird das neue Buch des heute in New York lebenden Musikjournalisten seit seinem Erscheinen als das wichtigste Pop-Buch der vergangenen Jahre gefeiert. Und es ist vor allem die Anklage eines „Zukunftssüchtigen“, wie sich Reynolds selbst bezeichnet. Denn noch nie habe es eine Zeit gegeben, die sich so obsessiv mit der eigenen, unmittelbaren Vergangenheit beschäftige wie die unsere.

Zwar hatten Bands schon immer ihre Vorbilder. Bereits das „Weiße Album“ der Beatles von 1968 ist voller Referenzen an die Musik der Vorgängerjahre. Aber seit von der Mitte der neunziger Jahre an die wichtigsten Bands der Dekade alle mehr oder weniger exakt vergangene Genres kopieren – von Oasis über The White Stripes bis hin zu Adele -, dazu die unzähligen Reunion-Konzerte und Box-Sets und Neuauflagen alter Klassiker, die den Markt überfluten, seitdem fragt sich Reynolds, wie es dazu kommen konnte, dass wir scheinbar nur noch unsere eigene popgeschichtliche Vergangenheit recyceln.

Auf der Suche nach einer Antwort schreibt Reynolds eine kleine popkulturelle Verfallsgeschichte, bei der sich auch der vermeintlich digitale Fortschritt als Rückschritt entpuppt hat. Sie reicht von der MP3, die Musik in kleinstmögliche Einheiten komprimiert und so zum bloßen Hintergrundrauschen des Alltags macht, über die durch Tauschbörsen und iPod beflügelte Sucht, Lieder in bisher nicht gekanntem Ausmaß zu sammeln und zu verwalten, bis hin zu Youtube, dem gigantischsten Gedächtnis der Menschheit, mit dem die Vergangenheit auch visuell in unserer Gegenwart so präsent ist wie nie zuvor.

Gängige Netzkritik

Doch aus dieser neuen Verfügbarkeit ist nichts wirklich Neues entstanden, sondern eine Kultur der „Re-Creativity“, die unter dem Slogan „Everything is a Remix“ verkündet, dass Innovation von gestern und alles ohnehin schon immer da gewesen sei. Die Vergangenheit verkommt so zu bloßem Material, das jetzt in „Mashups“ für kurzweilige Unterhaltung sorgt.

Dagegen schwärmt Reynolds immer wieder vom analogen Zeitalter, in dem einem vor lauter Langeweile die Decke auf den Kopf fiel. Zwar ist das Bedürfnis, dem Alltag zu entfliehen – und wozu sollte Pop sonst da sein -, heute so groß wie damals, doch der innere Antrieb, aus dieser Langeweile auszubrechen und selbst etwas zu erschaffen, sei durch die Digitalisierung einer fieberhaften Beschäftigungstherapie gewichen. Was wie aus dem Baukasten gängiger Netzkritik klingt, verschränkt Reynolds im zweiten Teil des Buchs mit einer gesamtgesellschaftlichen Perspektive.

Musik wie Unterwäsche

Der zufolge habe sich die Popkultur – stets angesiedelt in einem Übergangsreich zwischen den Sphären der Kunst und der Mode – immer stärker der Logik der Mode und damit der des Marktes unterworfen. Reynolds beschreibt diesen Prozess am ständigen Revival der fünfziger Jahre. Deren Garagen-Rock ging in den sechzigern, in den siebzigern und in den nuller Jahren immer wieder als neuer Trend durch und brachte zuletzt eine Fülle austauschbarer Bands wie The Hives, The Strokes und eben The White Stripes hervor.

Letztere, berichtet der Independent-Produzent Billy Childish, versuchen über Monate hinweg Platten aufzunehmen, die exakt so klingen sollen wie diejenigen, die ihre Vorbilder an einem Tag im Studio einspielten. Mit jeder Neuauflage verliere die Musik dabei den von Reynolds vermissten rebellischen Unterton und verkomme zum bloßen „Style“ ohne jegliches emotionales Engagement, den man wechselt wie die Unterwäsche.

Sehnsucht nach der Kindheit

Kritiker haben diese Position attackiert: Im Pop gehe es doch nur um den Moment, warum sollte er irgendetwas weiterentwickeln, was Spaß macht? Weil Moment eben nicht gleich Moment ist und in vielen Momenten, die einem diese Retro-Musik liefert, ein regressiver Geist mitschwingt. Wie Reynolds diesen Zusammenhang herausarbeitet, ist in der Rezeption von „Retromania“ bisher kaum erwähnt worden. Eine fragwürdige Rückwärtsgewandtheit erkennt Reynolds auch in der Musik, die heute gemeinhin als Avantgarde durchgeht und die Reynolds unter dem Label „Hauntology“ zusammenfasst.

Mit diesem Begriff beschrieb Jacques Derrida Anfang der neunziger Jahre die Marxschen Ideen, die die Gegenwart immer wieder heimsuchen wie Gespenster. Reynolds verwendet den Begriff für einen Musikstil, der sich um die Musiker des britischen Labels Ghost Box entwickelte und mit dem Album „Music Has the Right to Children“ der Band Boards of Canada im Jahr 1998 begann. Reynolds war sofort angetan von deren Musik.

Nie zuvor war ihm eine derartige Obsession für die Vergangenheit zu Ohren gekommen: Voice-Overs aus Naturdokumentationen, dazu gesampelte Kinderstimmen, ein psychedelischer analog-digitaler Mix, der Sehnsüchte nach einer Kindheit weckte, bei der man sich nie sicher sein konnte, ob es sich um eigene Erinnerungen oder Fernsehbilder handelte. Auch die Avantgarde-Musik wird also von einer Stimmung des Verlusts angetrieben.

Als man sich die Zukunft noch vorstellen konnte

Reynolds erkennt in ihr die Anrufung einer kollektiven, nationalen Erinnerung an die goldenen Jahre des Wachstums und des Wohlstandsversprechens der sechziger und siebziger Jahre. “Wo ist mein Jetpack?“, fragt Reynolds mit dem Roboter-Experten Daniel H. Wilsons und beschreibt, wie seit Woodstock und der Mondlandung im Jahr 1969 die Zukunftsvisionen immer schmalspuriger und kitschiger wurden, gleichzeitig die Versprechen vom gemeinsamen gesellschaftlichen Aufstieg über die Jahre einer Angst vor dem Abstieg gewichen sind.

Die Retro-Blase der Popkultur ist damit eine Reaktion auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung und kommt der Flucht in eine Zeit gleich, in der man sich eine positive Zukunft zumindest noch vorstellen konnte. Doch auch wenn sich „Retromania“ in Teilen selbst nostalgisch liest, spricht es für Reynolds, dass er von Pop mehr erwartet als den Soundtrack zu einem „Früher war alles besser“. „Retro“ ist schließlich auch in der Mode ein Begriff für die Rückkehr einer Zeit, deren Potential noch nicht verwirklicht ist.

(zuerst erschienen in der F.A.Z. vom 5.12.12)

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Kommentar

  1. „Es wird heutzutage viel gecovert, aber zum Glück gibt es noch Bands die davon Anstand nehmen und auch ihre eigenen Sachen machen, ob nun deutschsprachig oder in Englisch. Es gibt bestimmt auch viele Lieder die als neu angesehen werden von der Jugend, aber die Älteren wissen das es das schon mal gab, die Kreativität in der Musik ist zum teil etwas eingerostet. Warum was eigenes schreiben wenn man covern kann scheint leider ab und an die Devise zu sein was sehr schade ist.