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Die AfD und der Rassismus der Wohlstandskinder

Wer sich derzeit über den Aufstieg der AfD wundert oder auf ihr schnelles Verschwinden hofft, beteiligt sich an einem sehr lange eingeübten Spiel. Dass es Menschen mit dem Bildungsgrad und Einkommen jener Mittelschicht sind, die ein ähnliches Weltbild aufweisen wie NPD-Anhänger/innen, kann oder will bisher kaum jemand ernsthaft erklären. Verwunderung auch darüber, dass zur AfD aus allen Parteien Wähler_innen übergelaufen sind. Die seien eben auf Populisten „reingefallen“ oder wählten Protest. Vielleicht ist die AfD aber auch direkt aus Mordor einmarschiert?

Die deutsche „Mitte“, das haben Rassismus-Forscher_innen immer wieder angemerkt, muss sich, um als das vernünftige Zentrum der Gesellschaft zu erscheinen, permanent von der eigenen Vergangenheit und zu allen Seiten abgrenzen. Dabei verschließt sie die Augen vor den Diskriminierungsachsen und Rassismen, die sie heute durchziehen.

Wilhelm Heitmeyer hat im Rahmen seiner Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ bis ins Jahr 2012 immer wieder auf eine wachsenden Zahl abgehängter und ausgeschlossener Menschen, sowie auf eine von Abstiegsängsten und Ohnmachtsgefühlen beförderten „Entsolidarisierung“ der Gesellschaft hingewiesen.  Wer sich die aktuelle „Mitte-Studie“ (PDF) der Universität Leipzig anschaut, und damit die Fortsetzung der Heitmeyer-Studie, die die Einstellungen „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ in der Bevölkerung vermisst und erklären will, stößt auf folgenden Befund: Während die Zahl derjenigen mit einem geschlossen rechtsextremen Weltbild sinkt, steigt die Abwertung gegenüber Asylsuchenden, Sinti und Roma und Muslimen (die Studie erschien im Juni, nach diesem Spätsommer dazuzudenken: die Abwertung von Jüdinnen und Juden).Um diesen scheinbaren Widerspruch zu erklären, aktualisiert die Studie die Arbeiten zum „autoritären Charakter“, die Adorno und Horkheimer begonnen hatten. Inwieweit Kinder einen „autoritären Charakter“ entwickeln, hängt demnach von einem grundlegenden Aushandlungsprozess ab:

„Jedes Kind, dass in diese Gesellschaft hineinwächst, und jeder Erwachsene, der in ihr lebt, muss lernen, auf seine Wünsche und Erwartungen zu verzichten oder sie mit den Anforderungen in Deckung zu bringen, die an Gesellschaftsmitglieder gestellt werden.“

In den Dreißiger Jahren waren es vor allem repressive Väter, an denen sich diese Wünsche reiben mussten. Väter, die ihre familiäre und gesellschaftliche Stellung in Zeiten der Weltwirtschaftskrise bedroht sahen. Für die Unterwerfung unter diese Autoritäten winkte den Subjekten jedoch die Teilhabe an der Macht des Vaters/Führers.

Heil, Wirtschaftswunder!

Die Niederlage Deutschlands im zweiten Weltkrieg hat einen tiefen Krater im nationalen Selbstwertgefühl hinterlassen. Der konnte jedoch schnell mit einer neuen Autorität gefüllt werden – mit einer anonymen, ökonomischen Macht, die auch die Familien durchdringt. Der neue Selbstwert-Deal lautete nun: Ich richte mein Leben an den Anforderungen des Marktes aus, verlange aber dafür zumindest die Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand.

In den vergangenen 15 Jahren ist dieses Versprechen jedoch immer brüchiger geworden. Die Schlagworte sind bekannt: Hartz IV-Gesetze, prekärer Arbeitsmarkt, wer nicht abgehängt werden will, muss stetig am „unternehmerischen Selbst“ arbeiten, gestiegene Krankentage, Burn-Outs, Depressionen.

Die önomische Lage hat jedoch nicht automatisch das Gedeien der heutigen Rassismen zur Folge. Entscheidend ist der individuelle Versuch, das eigene Standing durch die Abwertung Anderer zu stärken, sobald die Teilhabe am gesellschaftlichen Wohlstand bedroht scheint. Laut „Mitte-Studie“ kennzeichnet genau dieses rassistische Kompensationsbedürfnis den heutigen „sekundären Autoritarismus“:

„Dem Faschismus – dem Extremismus der Mitte – der Jahre 1920 bis 1945 lag eine autoritäre Dynamik zugrunde, doch auch heute können wir eine solche Dynamik ausmachen, die wir deshalb den sekundären Autoritarismus nennen. Dieser bezieht seine Kraft nicht aus der Identifikation mit einem Führer, also einer personellen Autorität, sondern aus der Identifikation mit der Größe und Stärke der Wirtschaft und der Gewalt des Marktes. Diese sekundäre Autorität kann wie vormals die primäre Autorität den Verzicht auf eigene Wünsche und individuelle Lebensentwürfe einfordern und stellt zur Entschädigung die Teilhabe an seiner Macht in Aussicht. Die Teilhabe kann (muss aber nicht) in konkreter Alimentierung bestehen. Nur schwach darf das Selbst-Objekt des Marktes nicht werden, sonst führt die Wut über die eigene Unterwerfung unter eine versagende Autorität zur Aggression gegen diejenigen, die depriviert sind und doch die Phantasie wachrufen, das schöne Leben ohne Unterwerfung zu haben.“

Der heute mehrheitsfähige Rassismus richtet sich also nicht pauschal gegen alle Menschen aus anderen Ländern oder hofft auf einen neuen „Führer“: einem indischen IT-Experten wird kaum jemand mehr seinen Aufenthalt streitig machen wollen, scheinbaren „Armutszuwanderern“ sehr wohl, wie die jüngste Asylverschärfung wieder einmal bestätigt hat. Die AfD ist demnach keine rechtspopulistische „Alternative“ zur herrschenden Politik; sie spitzt den gesellschaftlichen Konsens, Menschen entlang ökonomischer Nützlichkeit zu bewerten, nur zu.

(alle Grafiken aus der aktuellen Mitte-Studie, Lizenz: CC-BY-NC-ND. Der Text erschien zuerst auf dem migrationspolitischen Portal heimatkunde.boell.de)

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