in Politik

Julia Fritzsche und ich haben unsere dritte Radiostunde zusammen gemacht. Wir hatten uns viel vorgenommen: endlich mal vernünftig „die Krise“ erklären, über den „die Finanzmärkte/Banker sind an allem Schuld und jetzt müssen wir sparen“-Reflex hinaus, der seit sechs Jahren gefühlte 90 Prozent der Berichterstattung bestimmt.

Als ich vor etwa einem halben Jahr die ersten Aufsätze und Bücher (an)gelesen hatte, war ich erst einmal ziemlich erschlagen. Mittlerweile ist es nicht mehr ganz so schlimm. So ein Erkenntnis-Prozess ist bei mir immer der gleiche: Erst wirkt alles super-kompliziert, ich lese kreuz und quer überall rein und fühle mich überfordert und verloren in viel zu viel Material.

Bis mir nach und nach die Gewordenheit des ganzen Schlamassels klar wird und ich mich traue, das Wesentliche anhand von ein paar guten Texten und Gesprächen in eine eigene Erzählung herunterzubrechen, in der der so weit weg und abstrakt wirkende Ökonomie-Finanz-Komplex immer näher rückt. Oder, mit Tschechow: „Jeder Idiot kann eine Krise meistern. Es ist der Alltag, der uns fertigmacht.“

Wie und warum der Alltag immer mehr Menschen fertig macht, darum geht es in dem Feature. Wurde in Griechenland vor fünf Jahren noch gelegentlich über die Folgen der Sparprogramme berichtet, ist es mittlerweile kaum mehr eine Nachricht wert, dass Menschen nicht nur ihre Jobs verloren haben, ihre Wohnung, ihre Krankenversicherung, sondern sterben. Stattdessen heißt es: Zu hohe Schulden, Strukturreformen, Vertrauen der Finanzmärkte wieder gewinnen – oder so ähnlich.

Um zu erklären, wie sich die Krise auf die Körper auswirkt, was das alles mit dem Sparen zu tun hat, und wie es anders sein könnte, sprechen wir mit David Stuckler, Ulrike Herrmann, Ingo Stützle, sind mit Nadja Rakowitz vom „Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte“ in Frankfurt und zu Besuch in einem Medibüro in München.

Wir rufen bisherige Krisenreaktionen, den New Deal, ins Gedächtnis und beschreiben die Politik der „Austerität“ als Fortsetzung eines gesellschaftlichen Umbaus, der in den 80er Jahren unter dem Label des Neoliberalismus begann und heute unter dem „Damoklesschwert der Staatsverschuldung“ (Stützle) fortgesetzt wird. 

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Man muss ja nicht gleich nostalgisch werden. Aber dass noch bis vor 40 Jahren die Spitzensteursätze in den USA und in England um die 80 Prozent lagen und deren Reduzierung von Reagan und Thatcher durch einen Rückzug der öffentlichen Hand ausgeglichen wurde – schon damals mit dem Verweis auf zu hohe Staatsausgaben –, kann man ja trotzdem noch einmal festhalten.

Es gibt (surprise!) keinen sozial neutralen Sparkurs. Die Folgen des Sozialstaats-Umbaus trifft bis heute als erstes den Alltag derer, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind: Geflüchtete, prekär Beschäftigte, Frauen, die in den Familien auffangen, was im Krankenhaus oder der Kita eingespart wird (mehr zur Care-Arbeit im Kapitalismus in unserer Sendung:  „Sie nennen es Liebe, wir nennen es unbezahlte Arbeit“).

Wir sind sehr froh, dass wir das Feature gemacht haben und hoffen, ein paar Menschen einen Einstieg in ein zunächst abstrakt wirkendes Thema zu liefern. Vielleicht haben wir es mit den vielen Sprecherinnenrollen, Reportageteilen, Reden, Nachrichten und Ortswechseln gerade zu Beginn etwas übertrieben. Auf Papier wirkte das alles jedenfalls ruhiger. Komischer Weise habe ich aber bisher nur gutes bis sehr gutes Feedback gehört – das hier ist also auch eine Bitte um Kritik! Wir wollen es ja das nächste Mal schöner machen.

Neben den auf der Sendungsseite genannten Büchern kann ich für einen ersten Überblick noch Thomas Biebrichers Einführung in den „Neoliberalismus“  empfehlen. Die Fotos hier sind Graffitis aus Athen und in der Sonderausgabe Griechenland der Zeitschrift „Gesundheit braucht Politik“ abgedruckt.

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(Alle Fotos: aesthetics of crisis / CC-BY-NC-SA)

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