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An die Arbeit: Warum Bartleby sich selbst abschaffen müsste

 

Es gibt da diesen Gedanken, der immer dann gedacht wird, wenn man nicht mehr weiter weiß. Wer ihn ausspricht, schickt als einleitende Erklärung meist ein kurzes „es gibt kein richtiges Leben im falschen“ vorweg. Dann geht es weiter: Wenn jede Handlung ohnehin nur zum Fortbestand des schlechten Ganzen beiträgt, dann sollten wir lieber nichts mehr tun. Denn erst mit uns kommt auch der ganze große Quatsch um uns herum zum Erliegen. Und, so geht der Gedanke in seiner schönen Version weiter, irgendwann stehen wir dann auf und fangen ganz von vorne an, wie nach dem Drücken eines Reset-Knopfs.

Ungefähr so lässt sich die Anziehungskraft der zartesten Verweigerungsformel seit es Protestslogans gibt erklären: „I would prefer not to“ – „Ich möchte lieber nicht“. Als vergangenen Herbst in New York ein paar Dutzend Menschen in der Nähe des besetzten Zuccotti Parks zusammen Herman Melvilles Nouvelle „Bartleby, der Schreiber“ lasen, ging jedes Mal ein Raunen durch den Saal, als jener Bartleby erst seine Arbeit in einer Kanzlei und darauf auch jede Frage nach seinen Wünschen und Forderungen mit einem leisen „Ich möchte lieber nicht“ abwehrte. Hatte Melville in seiner „Geschichte von der Wall Street“ nicht als erster beschrieben, wie man sich einem (schon damals) alternativlos scheinenden System verweigert, ohne bessere Vorschläge auf den Tisch legen zu können?

In der Folge sah man immer häufiger Menschen mit „I would prefer not to“-T-Shirts in der Zuccotti-eigenen Bibliothek, ein sympathisierender Verlag hat ein entsprechendes „Total Revolution Bundle“ geschnürt, in das es neben Bartleby nur David Graebers Buch „Schulden: Die ersten 5000 Jahre“ geschafft hat. Und das obwohl Melville die Konsequenz seiner Verweigerung gleich mitgeliefert hat: Irgendwann wird der apathische Bartleby aus seinem Büro auf die Straße geschmissen. Auch dort gibt er auf die Frage, was er gerne anders hätte, keine Antwort und kommt schließlich wegen Herumlungerns ins Gefängnis, wo er die Nahrungsaufnahme verweigert und stirbt. Bartleby mochte lieber nichts und bekam es. Warum aber dann all die Artikel und Manifeste, in denen Bartlebys totale Verweigerung zur alternativlosen Praxis stilisiert wird? Oder anders: Warum kommt Bartleby gerade jetzt zurück an die Wall Street?

Held der Postmoderne

Bartleby ist 1989 in Frankreich wiederauferstanden. Schon zehn Jahre zuvor hatte Jean-François Lyotard in seinem „Postmodernen Wissen“ das „Ende der großen Erzählungen“ ausgerufen, Aufklärung, Idealismus und Historismus für gescheitert erklärt. Jetzt machte Gilles Deleuze in seinem Essay „Bartleby oder die Formel“ den verzweifelnden Aktienkopisten Bartleby zum Helden der Postmoderne, weil er mit seinem „Ich möchte lieber nicht“ jeder dieser Erzählungen und jeder gesellschaftlichen Stellung widersteht.

Bartleby ist für Deleuze der immer wiederkehrende Mann ohne Eigenschaften – „der von den großen Metropolen niedergedrückte und mechanisierte Mensch, von dem man indes vielleicht erwartet, dass aus ihm der zukünftige Mensch oder eine neue Welt hervorgeht.“ Bartleby widersteht diesem Messianismus. Er hat kein Ziel mehr, auf das er sich zubewegen könnte, keine Revolution, die er schlagen will, die doch nur noch schlimmerer Autoritäten hervorbrächte. Bartleby führt sein Leben ohne ein Heil zu suchen und wird deshalb für Deleuze selbst zum Heiligen.

Ein paar Jahre später greift Giorgio Agamben diese Vorlage in seinem Essay „Bartleby oder die Kontingenz“ auf. Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ wird für Agamben zu einer „Ent-Schöpfung“, „wo das, was geschehen ist und das, was nicht gewesen ist, seiner ursprünglichen Einheit im Geiste Gottes zurückgegeben wird.“ Bartleby, das ist für Agamben der, der in der Ursuppe aller nicht realisierten Möglichkeiten badet, der lieber wartet, bis die eigene Haut schrumpelig wird, als sich jemals wieder aus der Wanne herauszuwagen und sich mit der Welt auseinanderzusetzen. Diese Praxisverweigerung macht Bartleby auch bei Agamben zum Helden, der gar nicht mehr aus jenem Gefängnis will, in dem Melvilles Erzählung endet: Denn „hier schließlich ist die Kreatur zuhause, sicher, weil unerlösbar. Deshalb ist der von Mauern umgebene Hof gar kein so trauriger Ort.“

Der postmoderne Held à la Deleuze und Agamben hat sich von der Vernunft emanzipiert. Und damit auch von dem Anspruch, die Welt vernünftig einzurichten. In den Neunzigern ist Bartleby also weniger ein politischer Charakter, sondern vielmehr einer, der jeder Form von Weltgestaltung abgeschworen hat und die Askese als eine Form der Lebenskunst feiert.

Absage an jede Reformanstrengung

Erst in den Nullerjahren wird Bartleby langsam auf die politische Bühne gestellt. Sein „Ich möchte lieber nicht“ ist für Žižek die Absage an jede Reformanstrengung, die doch nur dazu führt, das Bestehende zu erhalten. Der revolutionäre Akt Bartlebys würde dagegen den Status Quo ganz im Sinne von Agambens „Ent-schöpfung“ wieder mit seinen nicht realisierten Möglichkeiten konfrontieren, indem er der politischen Ordnung die Legitimität entzieht.

Die wirkungsvollste Aktion ist in diesem Sinne: Nichts zu tun, was in der politischen Alltagspraxis „vernünftig“ erscheint, sondern diese Alltagspraxis zu boykottieren. Finde man nur die richtige Schwachstelle im System, werde alles in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus nach dem Ziehen der stützenden Karte. Und dann könne endlich neu gemischt werden. Bei Mahatma Ghandi habe es schließlich auch funktioniert: Anstatt die direkte Konfrontation mit der Besatzungsmacht zu suchen, auf die diese vorbereitet war, habe Ghandi mit Boykotten und zivilem Ungehorsam dem Kolonialstaat den Boden unter den Füßen entzogen und so den Raum für eine neue politische Ordnung geschaffen.

Damit zurück an die Wall Street. Denn es sind die Folgen dieses passiven Widerstand, auf den Bartleby-Verfechter so stark hoffen. Mehrere Occupy-Traktate berufen sich auf Žižeks Bartleby, Ghandis Widerstand wurde zum Standardthema öffentlicher Uni-Seminare. Und fast in jeder Auseinandersetzung mit Melville wird eine Stelle zitiert, an der Bartlebys Arbeitgeber sagt: „Nichts erbittert einen ernsthaften Menschen so sehr wie ein passiver Widerstand. Wenn der, gegen den der Widerstand gerichtet wird, von nicht unmenschlicher Sinnesart und der, welcher den Widerstand ausübt, in seiner Passivität vollkommen harmlos ist, dann wird sich der erstere in seinen besseren Stunden nachsichtig bemühen, seiner Phantasie zu deuten, was sich seinem Verstande als unerklärlich erweist.“

Und haben nicht der Verzicht, eigene politische Forderungen zu artikulieren, sowie die Weigerung im Medienzirkus mitzuspielen, genau zu dieser positiven Verwirrung geführt? Auch Banker sollen, ähnlich wie der Anwalt, gesagt haben, es sei die beste Idee der Besetzer, dass sie keine Forderungen aufgestellt hätten, so hätten sie sich monatelang Gedanken gemacht, was diese eigentlich wollten.

Aufmerksamkeitsübungen gegen die Leere

Nur sind wir nicht schon lange verwirrt genug? Und hat nicht bereits Melvilles Bartleby gezeigt, dass dem schon damals alternativlos erscheinenden Kapitalismus eine solche Verweigerung herzlich egal ist? Bartlebys „Ich möchte lieber nicht“ bleibt zwar Chiffre für die Dürftigkeit des Daseins, dafür, dass hier fast alles entgegen der Möglichkeit eingerichtet ist – es ist die erste Geste der Verweigerung und eine Warnung vor planlosem Aktionismus.

Aber sein „Ich möchte lieber nicht“ ist ein Symptom der Ohnmacht gegenüber den Verhältnissen, auf die er keinen Einfluss mehr zu haben scheint, und nicht die Lösung. Im Grunde ist er ein ziemlich egozentrischer Kerl, dieser Bartleby, wie er sich so in seiner Ohnmacht einrichtet, kein Interesse für andere zeigt, für das, was um ihn herum geschieht und lieber die Bürowände und die Gefängnismauern anstarrt, bis zu seinem Tod. Aufmerksamkeitsübungen wären das erste, was er bräuchte – die Erkenntnis, dass da andere sind, denen es so geht wie ihm und dass man sich die fremd gewordene Welt nur praktisch wieder aneignen kann.

Wenn er dann nicht mehr weiß, was zu tun ist, könnte er nicht auf eine neue Schöpfung hoffen und sich dabei die Gefängnismauern schön reden, wie es der Held der Postmoderne tun würde. Er müsste die eigene Leere überwinden und wieder zu einem historischen Wesen werden, zu einem Menschen, und die Geschichte jener Menschen weiterschreiben, die an vernünftigeren Verhältnisse gearbeitet hat. Er müsste sich wieder an die Arbeit machen. Wahrscheinlich müsste Bartleby sich dafür selbst abschaffen. Aber das wäre ja ganz in seinem Sinne.

(zuerst erschienen in: Polar #13)

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