in Gesellschaft

„Burnout“? Da war doch was!

Mit Ausstellung und Rahmenprogramm will die „Neue Gesellschaft für bildende Kunst“ die Diskussion um das Phänomen „Burnout“ wieder politiseren. Das scheint fast unmöglich

Schon im Eingangsbereich liegen sie, all die Zeitschriften und Bücher aus den vergangenen Monaten, die etwas zum Phänomen „Burnout“ zu sagen hatten. Der Spiegel, Stern, Psycholgie Heute, Pocket-Business, und so weiter. Bei dem Anblick würde man die Ausstellung „A Burnt-Out Case?“ in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst am liebsten sofort wieder verlassen. Das war schon penetrant, als im vergangenen Jahr auf allen Kanälen das gleiche geschrieben wurde. Als bekannt wurde, dass sich seit dem Jahr 2000 die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen auf 12,5 Prozent verdoppelt und sich alle auf den Begriff „Burnout“ einschossen hatten. Wie als Ursache für diesen „andauernden Erschöpfungsszustand“ (eine anerkannte Symptomatik oder Diagnose gibt es nicht) der steigende Druck am Arbeitsplatz genannt wurde, die Angst vor Arbeitslosigkeit, also durchaus strukturelle Gründe. Und wie – das kann man einer Diskursanalyse aus dem Begleitheft zur Ausstellung entnehmen – jedes Mal der Ball zurück zum Individuum gespielt wurde: Du musst dein Leben ändern! Lerne deine Grenzen kennen! Eine Wellness-Industrie wird dir helfen, mit den Verhältnissen besser klar zu kommen.

Nun soll die Kunst die Debatte wieder politisieren. „Wie wird man sich in 50 Jahren an die erschöpfte Gesellschaft von 2012 erinnern?“, fragte die Ausschreibung zu „A Burnt-Out Case?“. 240 Vorschläge gingen ein, elf Positionen sind nun zu begutachten, begleitet von einem Symposium, Workshops und Lesungen.

Details statt Visionen

Die Künstler – und wie sich zeigen wird, sollte man sich das bei ihnen abschauen – ließen ihren Blick auf der Suche nach neuen Perspektiven in die Vergangenheit schweifen. Auf einer weißen Liegewiese kann man sich durch die gesammelten „Burnout“-Publikationen blättern. Gemütlich, bis man bemerkt, dass diese Architektur ihr Vorbild in einer Ford-Bomberfabrik aus den 1940er Jahren findet. Auf einem kleinen Foto sieht man, wie Designer auf großen Tischflächen herumliegen und neue Bomber-Entwürfe zeichnen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Leben verschwimmen offensichtlich schon seit 70 Jahren.

Auch optisch beklemmend wirkt dagegen die „Burnout-Box“, eine Holzkiste, etwas geräumiger als ein Sarg. Das Design hat die Berliner Künstlerin Gesa Glück einem Entwurf von Henry David Thoreau entlehnt. Als der 1845 für zwei Jahre den Wald der Zivilisation vorzog, reichte ihm die Natur nicht als Rückzugsort. Er baute sich eine Holzkiste, um sich von allen Abhängigkeiten zu lösen und die „Freiheit seiner Seele“ neu zu erkunden. Ein klaustrophobischer Weg zu sich selbst, den von den anwesenden Ausstellungsbesuchern niemand testen wollte.

Futuristische Entwürfe oder Visionen, wie alles anders sein könnte, gibt es in der Ausstellung nicht. Eher den Blick fürs Detail. Als ginge es darum, zu zeigen, dass auf dem Weg zu einem glücklicheren Leben etwas verloren gegangen ist. Am eindrucksvollsten zeigt das Franziska Angermanns Videoprojektion. Sie zeigt Kinder in Wettkampfsituationen, wie sie auf ihren Einsatz am Reck warten, gespannt und konzentriert schauen, scheinbar schon perfekt allen Anforderungen entsprechen. Nur um sich dann, während sie warten, noch einmal kurz im Kreis zu drehen, seltsam unbeholfen Arme und Beine verdrehen, im wahrsten Sinne aus der Reihe tanzen. Für einen Moment sind sie abwesend – und erst dadurch ganz bei sich.

Was hilft aus dem Bett?

Wenn man sich dagegen die „Lachyoga“-Aufnahmen von Julia Lazarus aus einem Burnout-Vorsorgekurs ansieht, wie sich ein Dutzend Erwachsene das Lachen und Quatsch-Machen in Wochenendseminaren erst wieder beibringen müssen, wie sie dazu im Kreis gehen, ihre rechte Hand mit gespreiztem Daumen und kleinem Finger an das rechte Ohr halten, so tun, als würden sie telefonieren und dann ihren virtuellen Gesprächspartner auf der Straße begegnen, wie sie jetzt laut loslachen und dann zusammen in die Hände klatschen, ihre Arme in die Luft werfen und rufen: „SEHR GUT, SEHR GUT, JAAAAA!“ Dann läuft es einem kalt den Rücken herunter, so inszeniert, so entstellt kommt einem das beim Kind noch intuitive Lachen eines Erwachsenen vor, dass man sich am liebsten sofort in die Burnout-Box legen will.

Von der großen Verneinung hält einen nur der Film „The Alphabet of Feeling Bad“ ab und das „C“ wie „Capitalism“ der Aktivistin Ann Cvetkovich: „Zu sagen, dass der Kapitalismus Schuld ist, hilft morgens auch nicht aus dem Bett.“ Ein bisschen konkreter müsste man schon werden. Und zum Beispiel sagen, dass Menschen mit einem niedrigen sozioökonomischen Status drei Mal häufiger an einer Depression leiden als die mit einem hohen, dass schlechte oder gar keine Arbeit also immer noch die Krankmacher Nummer Eins sind und wer nur von „Burnouts“ redet, die sozialen Ungleichheiten ausblendet.

Mit solchen Feinheiten will sich die Kunst hier nicht herumzuschlagen. Sie ermahnt uns lediglich, die Spuren des Politischen wiederzufinden, damit sie ihr Lachen wiederfinden kann.

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