in Politik

Von Julia Fritzsche und Sebastian Dörfler

Nothing else matters. Es ist Donnerstagabend, auf den zentralen Omonia-Platz nahe dem Athener Stadtviertel Exarchia sind mehrere Tausend Menschen zur letzten Wahlkampfveranstaltung von Alexis Tsipras gekommen. Fahnen wehen, Kameras kreisen — und durch die Boxen kracht die Metallica-Schnulze. Dick aufgetragen. Andererseits: wann, wenn nicht hier und jetzt, sollte man dieses Lied spielen? Eine Alternative zur Austeritätspolitik scheint nahe — auch wenn das Programm von Syriza im Vergleich zu dem von 2012 deutlich abgespeckt ist und Tsipras in zahlreichen Charmeoffensiven immer wieder klar gemacht hat, dass die europäischen Partner*innen vor ihm nichts zu befürchten hätten. Ja, über Schulden wolle man reden, aber sonst gehe es um Mindeststandards, um Elektrizität, Nahrung, Krankenversorgung. Was es für ein Kampf geworden ist, um diese Grundversorgung zu ringen, das ist der eigentliche Horror der vergangenen Jahre. Dazu später mehr.

Alexis Tsipras wirkt müde, als er an diesem Abend die Bühne betritt. Er sagt, was er wahrscheinlich schon 1000 Mal gesagt hat, verspricht eine Regierung, die nicht mehr auf die E-Mails der Troika höre, sondern auf das griechische Volk. Überhaupt fällt das Wort „Volk“ sehr oft. Das griechische Volk, das nicht mehr geknechtet gehen wolle, sondern endlich wieder zu seinem Stolz finde. Tsipras redet eine Dreiviertelstunde. Die Stimmung ist gut, aber nicht euphorisch. Man kennt sich mittlerweile. Jetzt geht es darum, sich gemeinsam über die Ziellinie zu dröhnen: “First we take Manhattan — and then we take Berlin!” Als Überraschungsgast Pablo Iglesias von der spanischen Partei „Podemos“ auf die Bühne tritt, mit einem “Syriza, Podemos — Ven-ce-remos“ schließt und die beiden jungen Männer ihre Fäuste in den Himmel recken, werden viele Augen doch noch glasig.

„I am an Anarchist, I don’t vote“

Was in solchen Momenten oft vergessen wird: Ehe Tsipras der mediale Kopf des Wandels werden konnte, waren zahlreiche Generalstreiks, Besetzungen wie die der Fabrik Vio.Me in Thessaloniki, Projekte wie die “Zeitung der Redakteure”, der Streik der 595 Putzfrauen im öffentlichen Dienst — und vor allem die mittlerweile 400 selbstorganisierten Solidaritätskliniken, Produktionsgemeinschaften, Tauschringe und Suppenküchen nötig, die vor allem der Region Attika entstanden. Es ist diese Verbindung aus Selbsthilfe, Graswurzelbewegung und Parteiarbeit, die Griechenland in den Augen vieler so interessant macht. Und am Sonntag könnte dieses Projekt sogar die absolute Mehrheit erreichen. Aber es wird knapp.

„I am an Anarchist, I don’t vote“, sagt Yannis etwa 500 Meter weiter, während er uns Bier und Tee über die Theke reicht. In dem selbstverwalteten Zentrum Nosotros spielt ein DJ lauten Hip Hop vor etwa 150 vor allem schwarz angezogenen Leuten, die meisten Mitte Zwanzig und zu 80 Prozent Männer. Im Nebenraum stehen noch die Reste der “Küche für Alle” herum. Yannis ist mit seinen 45 Jahren einer der Älteren hier, hat das Zentrum mit seiner Gruppe Void-Network 2005 aufgebaut. Es ist neben einigen selbstverwalteten Kneipen und Kinos eine bekannte Anlaufstelle hier am Exarchion-Platz im Exarchia-Viertel, das als Anarchist*innen-Hochburg gilt und vor zwei Jahren auch quer durch die deutsche Medienlandschaft als “Viertel der Solidarität” beschrieben wurde, in dem Geflüchteten geholfen wird, und in das sich angeblich weder Nazis, noch die Polizei trauten. Das ist natürlich etwas übertrieben. Mit den zahlreichen Cafés und Bücherläden scheint hier tagsüber relativ sympathisches Kiez-Leben stattzufinden — bis der Platz jeden Abend zum Treffpunkt für Alternative, Ausgewillige und Trinker*innen wird. Doch wenn es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei nach Demos kommt, dann meist an der Grenze zu Exarchia. Griechenland hat die größte Anarchoszene Europas — und die gelten nicht als zimperlich.

Griechenland — Blockupy — Spanien

Syriza, sagt Yannis während er sich eine weitere Zigarette rollt, habe eine klassische sozialdemokratische Agenda wie aus den 70er Jahren. Und das stimmt natürlich: In dem „Sofortprogramm zur Linderung der Not“ geht es um Gesundheitsversicherung für drei Millionen Menschen, um Wohnungen für 30.000 Obdachlose, um Nahrung für ebenso viele Familien — und eben um einen nationalen Aufbauplan. Aber ist so ein Sofortprogramm jetzt nicht bitter nötig? Doch, entgegnet Yannis. Er kenne auch viele Anarchist*innen, die entgegen ihrer Prinzipien dieses Mal zur Wahl gingen — das sei etwa die Hälfte. Ganz einfach deshalb, weil sie hoffen, dass eine Syriza-Regierung die Repressionen gegen die anarchistische Szene zurückfahren und Polizeieinheiten abschaffen würde, die zu einem großen Teil aus der Neonazi-Partei Chrysí Avgí bestünden und regelmäßig Prügelorgien starteten: „Wir hoffen, dass Syriza diese Koalition aus Konservativen und Faschisten brechen wird — und wir dann wieder mehr Freiräume haben.“

Es könnte also sein, dass ein Teil der etwa 40.000 Anarchist*innen, die laut Yannis in der Region Attika leben sollen, dieses Mal ein Kreuzchen machen. „Für Spanien gilt das gleiche — in der Partei „Podemos“ sind sogar richtige Anarchist*innen!“, sagt Yannis, der die anarchistische Vorstellung, dass sich die richtigen Ideen wie ein ansteckender Virus verbreiten, wenn die Menschen praktisch in Kontakt mit ihnen kommen, auch eine Ebene höher am Werk sieht: auf Syriza in Griechenland folge eine linke spanische Regierung. Ganz so, wie es Teile der deutschen radikalen Linken hoffen. Die sind vergangene Woche nach einem Blockupy-Vorbereitungstreffen vor die alte EZB gezogen und haben einen gelben Stern rund um das blaue Euro-Symbol rot angemalt: Griechenland — Blockupy — Spanien, das sei die Chronologie eines “europäischen Frühlings”. Auch Yannis wird am 18. März in Frankfurt mit dabei sein, wenn Aktivist*innen aus halb Europa die Eröffnung der EZB stören wollen, und kündigt gleich noch 2.000 griechische Anarchist*innen an.

Nothilfe für 3 Millionen Griech*innen

Lena Kougea wird nicht nach Frankfurt reisen. Sie hat mit ihrer Arbeit im Sozialmedizinischen Zentrum genug zu tun. Zu Lena Kougea gelangen wir durch ein dunkles Treppenhaus eines Wohnhauses. Im dritten Stock sitzen vier Männer auf Stühlen im Neonlicht und warten. Zwei Schreibtische dienen als Rezeption. Den restlichen Raum dahinter teilen dünne Sperrholzplatten in mehrere Behandlungszimmer. In den Zimmern stehen meist eine Patientenliege aus zerschlissenem Leder, ein Computer aus den 90ern, ein oder zwei Stühle und ein klappriger Tisch. In einem Zimmer steht ein beige-brauner Zahnarztstuhl mit einem Patienten darauf.

Nebenan die „Apotheke“: Ein großer Raum mit Regalen, Tischen und einem Kühlschrank voller Medikamente. All die tausend Schachteln, Döschen und Fläschchen bringen ausschließlich Privatleute hierher, manchmal in Tüten, manchmal in Kisten, manchmal nur eine einzelne Tablette. Wenn Lena Kougea und ihre Kolleg*innen sehen, dass sie zuviel von einem Medikament haben, geben sie es an die offiziellen Krankenhäuser weiter. Die dürfen die Medikamente eigentlich nicht annehmen, machen es aber trotzdem. Denn Medikamente fehlen überall.

Im Sozialmedizinischen Zentrum von Athen ist die Krise längst Alltag. Deshalb kommen die Patient*innen hier mit Termin. Viele waren schon öfter da, wie Tomas, der sich gerade seine Nervenschmerzen am Zahn hat behandeln lassen. Die meisten kommen regelmäßig, weil sie als Diabetiker*innen Spritzen brauchen oder als Krebskranke wichtige Untersuchungen. Ein Labor gibt es hier nicht, aber einen Kontakt zu einer Praxis, die Proben inoffiziell auswertet. Tomas ist einer von 3 Millionen Griech*innen ohne Krankenversicherung. Er ist arbeitslos. Wer wie er im vergangenen Jahr weniger als 50 Tage gearbeitet hat, fliegt aus der Krankenversicherung. Mittlerweile sind das über 30 Prozent aller Griech*innen. Die anderen drei Männer auf den Wartestühlen sind papierlos. Zwei von ihnen sind wegen schwerer psychischer Probleme hier. Einer mit Zahnschmerzen, er hält sich die Backe und lächelt entschuldigend, weil er wegen der dicken Backe nichts erzählen kann.

Aus der Blase

Zu den Wahlen möchte Tomas nichts sagen, die interessieren ihn nicht. Das passt zu dem, was der Politikwissenschaftler Ulrich Brand von der Uni Wien herausgefunden hat. Über mehrere Jahre hat sein Lehrstuhl die Klinik der Solidarität in Thessaloniki untersucht und festgestellt, dass die Beschäftigten sich zwar in der Krise und durch die solidarische Arbeit politisieren, die Patient*nnen aber einfach nur froh sind, dass sie versorgt werden und Ärzt*innen, Pfleger*innen und Verwaltungsmitarbeiter*innen wie Lena Kougea ehrenamtlich arbeiten. Sind die sozialen Zentren deshalb die notwendig gewordene Selbstverwaltung des Elends?

Nein, sagt Christos Giavonopoulos von Solidarity4All. Wir treffen ihn in seinem Büro, nachdem wir wieder ein dunkles Treppenhaus hochgestiegen sind. Solidarity4All unterstützt das Sozialmedizinische Zentrum und ist sowas wie die zentrale Anlaufstelle und das “Dach” der Soli-Initiativen in Griechenland. Damit nicht alle die gleichen Fehler machen, hilft Solidarity4 All mit Know How, Logistik und Geld. Klar, sagt Christos, politisiert die Graswurzelbewegung nicht automatisch alle Leute: „Aber wir versuchen ihr Leben so zu stabilisieren, dass sie nicht sterben, oder vor Elend Faschist*innen wählen. Und klar, manchmal kommen auch Menschen mit einer ganz anderen politischen Meinung.“

Für Christos gehen deshalb Yannis und die Anarchist*innen auch nicht weit genug. Das Viertel Exarchia ist für Christos eine Blase, viele der Aktionen „politisch-ideologische Projekte“. Die „Küche für Alle“ im Nosotros ist eben in erster Linie für Anarchsit*innen und nicht für die, die nichts mehr zu Essen haben. Die „Solidarity for All“-Initiativen seien dagegen aus der Not entstanden und richten sich an Alle. 400 Soli-Initiativen gibt es mittlerweile in Griechenland, das sind doppelt so viele wie 2012, als Solidarity4All entstand. Christos geht von 20 bis 25 Menschen pro Initiative aus, 60 Prozent davon seien Frauen.

Zur Autonomie verpflichtet

2012 führte die Regierung eine “Not-Steuer” ein, die sie zusammen mit der Stromrechnung einzog. Viele konnten daraufhin ihre Rechnung nicht mehr bezahlen. Zur gleichen Zeit entstanden mit der zunehmenden humanitären Krise Soli-Kliniken, Suppenküchen, Tauschmärkte, Lebensmittelkooperativen. Solidarity4All entstand und gründete einen sogenannten „Solidaritätsfonds“. 10 bis 20 Prozent der Diäten aller Syriza-Abgeordneten im Parlament gehen seitdem in diesen Fonds, aus dem größere Projekte oder Anschaffungen für lokale Initiativen bezahlt werden — alles außer der Miete und Rechnungen. Denn jede Initiative soll autonom wirtschaften und so ihre Eigenständigkeit sichern.

Mit dieser Querfinanzierung eckt Solidarity4All natürlich an. Für manch einen Berufspolitiker könnten die lokalen Initiativen zur Konkurrenz werden. Für andere ist Christos’ Arbeit schlicht „Parteiarbeit“. Christos lacht über so etwas. Du kannst es eben nicht Allen recht machen. Sein Pragmatismus ist schön. So wie die ganze Arbeit von Solidarity4All. In ihr vereint sich konkrete, praktische Hilfe für die Menschen in der Krise mit der Hoffnung auf mehr. Darauf, nicht nur die Macht im Parlament zu übernehmen, sondern über den Alltag neue Formen des Zusammenlebens zu etablieren.

Nach einem möglichen Wahlsieg von Syriza könnte sich die Rolle von Solidarity4All ändern: Natürlich werden sie die Partei weiter unterstützen, vor allem wenn Griechenland kein Geld mehr bekommt, sagt Christos zum Abschied. Aber Solidarity4All werde Druck auf Tsipras aufbauen, sollte er in den kommenden Verhandlungen zu große Kompromisse mit Deutschland und der EU eingehen.

 

Zum Weiterhören:

 Transparenz-Hinweis: Dieser Text entstand im Rahmen einer von der Rosa-Luxemburg-Stiftung geförderten Journalist*innenreise.

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