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Radio-Feature: Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet

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Julia und ich haben eine neue Radio-Stunde für den Zündfunk gemacht, und ich finde, es ist bisher unsere Schönste, auch dank unserer Produzentin Helen Malich, die das alles im Studio zusammengebastelt hat. Die Sendung heißt „Prolls, Assis und Schmarotzer: Warum unsere Gesellschaft die Armen verachtet“. Sie dreht sich um die Vorläufer des „faulen Griechen“ – also um die Frage, wie Bilder einer scheinbar nutzlosen „Unterschicht“ entstehen und welche Funktion sie in der Gesellschaft übernehmen.

Es ist eine kleine Ideologiekritik zum laufenden Sozialstaatsabbau geworden, mit allerhand Beispielen aus Funk, Fernsehen und Politik. Wir beschreiben den Sozialchauvinismus in Deutschland anhand von Wilhelm Heitmeyers Studien über „Deutsche Zustände“ und zeigen, wie sich diese gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in den vergangenen Jahren entwickelt hat.

Gesprochen haben wir mit dem Sozialwissenschaftler Sebastian Friedrich und mit der Jobcenteraktivistin Christel T., deren Einblicke und Kritik an dem System Hartz IV ich besonders wichtig finde (unten das Video einer Protestaktion, das auch in der Sendung vorkommt). Denn nirgends wird so deutlich wie in den Jobcentern, was für ein Zwang und eine Unmenschlichkeit hinter so gängigen Begriffen wie „Eigenverantwortlichkeit“ arbeiten. Wer heute keinen Job findet, muss eben selbst daran schuld sein. Der Bilderapparat, den wir in der Sendung beschreiben, liefert den ideologischen Kitt für diese Individualisierung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten.

Was besonders schön ist: Wir haben bisher so viel positives Feedback bekommen, wie noch für keine andere Sendung – und zwar von allen möglichen Seiten: von Leuten, die sich noch gar nicht mit Klassismus auseinandergesetzt haben, von Erwerbslosen und Aktivist*innen, von Bildungsarbeitenden, die die Sendung als Anschauungsmaterial verwenden wollen. Fast schon verdächtig viel Lob. Wenn Ihr noch etwas zu kritisieren habt, nur zu! Aber vor allem: Danke für das Hören.

(Das Titelbild ist ein Motiv der Initiative gegen das Jobcenter Neukölln.)

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Kommentar

  1. Gestern hörte ich fast zwei Stunden eines Solo-Programms von Max Utthoff – darin beschreibt er recht deutlich, wie politisch und mit Unterstützung der nachplappernden Medien Arbeistlose etc. – auch per Sprache – stigmatisiert werden.
    Waren „Arbeitslose“ früher Leidende, denen was fehlte: nämlich die sinnstiftende Arbeit (und man hatte Mitleid), sind es heute „Empfänger“, nämlich von Harzt4. Die kriegen also was! von uns! …ob zu Recht?
    Wie bei der GEZ, bei der Zwangseintreibung von Geld plötzlich ein „Service“ sein soll; wie eine Müllhalde, die plötzlich ein „EntsorgungsPARK“ ist…

    • No sé si soy yo que no lo ve o es que se han olvidado de exportar además de las URLs que dan errores que añadan también la columna &qenu;tolazada desde" que hay cuando pinchas sobre una determinada URL. Si descargas los errores en csv falta ese dato, desde dónde se enlazan a esas páginas. En la versión antigua sí estaba.

  2. Ist das so? Verachten „wir“ Arme, und wenn ja, seit wann? Und wer ist „wir?“ Zählen Sie sich dazu, Sebastian? Ich verachte nämlich keine „Armen“ (wenn wir das mal beispielsweise am H4-Empfänger festmachen.) Einerseits läuft eine dauerhafte Euphemismus-Tretmühle, andererseits waren die früheren Begriffe doch „besser?“.

    Sorry ob der vielen Anführungszeichen. Aber ich lasse mir kein schlechtes Gewissen implizieren, weil ich vielleicht davon „nicht“ betroffen bin.

    • @ Holperbald
      Wen meinst du mit „wirr?“ Du bist vielleicht auch (gar)„nicht“ davon betroffen. Wir sollten unter kleinen Umständen „verächtlich“ ob unseres höheren Bildungsniveaus postulieren. Kein Grund aber, irgend wem schlechtes Gewissen zu implizieren.
      Spaß beiseite – eine gute Sendung, die deine Fragen beantworten sollte und einige Beispiele liefert, lässt sich oben abrufen. Falls das bei dir nicht funktioniert, gibt es hier noch einen Direktlink: http://cdn-storage.br.de/MUJIuUOVBwQIbtChb6OHu7ODifWH_-bP/_-0S/5yrc_ykH/c8992bdc-dae5-4fbd-b36b-4976369c5b82_2.mp3

      • Wen meint Sebastian mit „wir“? „Die Gesellschaft?“ Er und seine Journalistenkollegen? Ich verachte keine Armen.Wenn die Moderatoren der Sendung sich zu den Verachtern zählen, ihr Problem. Aber das tun sie freilich nicht: Es soll impliziert werden, die Hörer der Sendung verachten die Armen. Die Macher der Sendung verorten sich freilich in der Rolle der mahnenden „Bessermenschen“. Insofern müsste die Sendung eher aus der Sicht der Moderatoren „Warum IHR – unsere Zuhörer die Armen verachtet. Der weise Moderator gutmenscht freilich scheinheilig mahnend durch die Sendung. Fühlt euch angesprochen, wenn ihr es nötig habt… Ich bin es nicht.

  3. Immer dann, wenn wir (und das tuen wir m.E. alle) auf der Basis designter Statistiken als Wahrheit verkleidete Aussagen über Gruppen formulieren, müssen wir uns bewusst sein, dass wir vereinfachen und verfälschen.
    Damit unterstützen wir gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit.
    Leider ist die Vereinfachung gerade das politisch erfolgreichste Stilmittel. Hier kann jeder in Rahmen seiner Möglichkeiten zur differenzierten Betrachtung von Sachverhalten seinen Beitrag leisten.
    Mir hat euer Feature sehr gefallen.